Volltextsuche

Quicknavigation

Externer Link: Zu Twitter   Externer Link: Zu Facebook

Flüsse - ein eigener Kosmos

Amazonas
 

Heftige Klimawandler

CO2-Schleuder Internet

Internet und CO2
 

Gespräche mit Bürgern

05b_Guenther_Buerger
 

Positionen & Visionen

August: Prof.  Bertsch

Bertsch
 

Seiteninhalt

Spannende Akteure
 

Interview mit Dipl.-Biol. Franz-Josef Wichowski, Regierungspräsidium Darmstadt
Interview mit Prof. Peter Stebbing, HfG Schwäbisch Gmünd
Interview mit Marie-Theres Deutsch, Architektin und Stadtplanerin
Interview mit Hajo Bergmann, Dokumentarfilmer
Umweltexploratorium
Interview mit Dr. Lothar Voigt, Wanderführer
Interview mit Prof. Petra Kellner, HfG Offenbach
Interview mit Dr. Wilma Mohr, Verwaltungsexpertin in Hetame, Katmandu
Interview mit Hartmut Blaum, Stadtarchivar in Kelsterbach
Kurzinterview mit John Thackara

 

Interview mit Dipl.-Biol. Franz-Josef Wichowski, Regierungspräsidium Darmstadt

1. Klimaroute: Flussbiologisch gesprochen, als was bezeichnet man den Main zwischen Mühlheim und Kelsterbach genau? Welche Begriffe sind fachlich wichtig?

Wichowski: An dieser Stelle möchte ich nur zwei wichtige Begriffe erwähnen, um nicht zu sehr ins Fachliche abzurutschen.

Nach den Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie (EU-WRRL) ist die Typisierung die Basis für die Bewertung der Oberflächengewässer und gehört zu den grundlegenden Schritten bei der Umsetzung der EU-WRRL.
Ausgehend von der Gliederung der Lebensgemeinschaften und den Gewässerlandschaften lässt sich der hessische Main dem Gewässertyp „Kiesgeprägter Mittelgebirgsstrom“ zuordnen:. Dieser Typ ist u. a. durch eine über 300 m breite Aue, ein Einzugsgebiet > 10.000 km² sowie einem Sohlsubstrat, welches überwiegend aus Schotter und Kiesen besteht, gekennzeichnet.
Aus fischfaunistischer Sicht gehört der Main im hessischen Abschnitt zur Barben- und Brachsenregion, mit Barbe sowie Brachse als Leitfischarten und weiteren typischen Mainfischarten wie Nase, Ukelei, Rotauge und Gründling. Hinzutreten Arten der Zuflüsse und der Auenbereiche sowie der Lachs als Durchzügler. Diese typische Fauna der Leit- und Begleitfischarten ist im WRRL-Bewertungssystem „fibs“ Grundlage für die Bewertung der Fischfauna.

2. Klimaroute: Wie gesund ist der Main (nur o.g. Strecke, gilt auch für folgende Aussagen), wenn man das versucht so objektiv wie möglich zu betrachten?

Wichowski: Ausgehend von den 60-er Jahren hat sich der Stoffwechsel des Flusses deutlich verbessert: Am Beispiel des Sauerstoffhaushalts wird das besonders deutlich. Nicht zuletzt aufgrund der aktuellen Ergebnisse des Bio-Monitorings sowie der Strukturgüteerhebungen müssen wir aber auch zur Kenntnis nehmen, dass der Main seinen Fließgewässercharakter aufgrund der vielen Stauhaltungen weitgehend eingebüßt hat.
Bemerkenswert ist jedoch, dass die Gewässersohle an vielen Stellen mit natürlichen Kiessubtraten belegt ist und stellenweise, insbesondere in durchströmtem Abschnitte sowie an den Einmündungen vieler Nebenflüsse, naturnahe Lebensgemeinschaften anzutreffen sind: Der Main hat also Potential.


3. Klimaroute: Der Main war vor der Industrialisierung sehr reich an Fischen, Krustentieren und Muscheln. Ist solch ein Zustand regenerierbar?

Wichowski: Alle biologischen Systeme, die Flüsse gehören dazu, altern und verändern sich im Laufe der Zeit. Der Main bot wie alle größeren mitteleuropäischen Flüsse in der Vergangenheit ein gänzlich anderes Bild als heute. Auch wenn er seit der Eiszeit in seinem heutigen Tal fließt, so hat er doch seine Laufstrecke, seine Ufer und seine Flussbreite immer wieder verändert
Um 1800 lag das Verhältnis von Tallänge zu Flusslänge zumindest am Obermain bei 1,6, (d.h. die Fließstrecke ist deutlich länger als die durchflossene Talstrecke) was auf einen mäandrierenden Fluss hinweist. Schon immer mussten sich die Dörfer am Main mit der Flussbettverlagerung auseinandersetzen. Durch Änderungen des Flussbettes verloren alte Grenzen an Rechtssicherheit, was letztlich den Verlust von Wirtschaftsflächen an andere Dörfer und damit eine Bedrohung der Existenz bedeuten konnte. Hochwasser, Anlagerungen von Sandbänken und Flussbettverlagerungen bedrohten immer wieder landwirtschaftliche Flächen und selbst die Dörfer. Übersandete Flächen wurden im Volksmund „Gries“ genannt. Heute findet man diese Flächen in den Flurnamen und Ortsnamen (Greis, Sandfeld, Griesheim) wieder.

Fließgewässer kann man mit dem Blutkreislauf des Menschen vergleichen, weil sie die Vorgänge im Einzugsgebiet über die Wasserwerte (Sauerstoff, Säuregehalt, Härte und Nährstoffe) wiederspiegeln. Insofern wäre es unredlich sich an historischen Leitbildern, etwa vor der Industrialisierung, zu orientieren. Mittlerweile sind im Main jedoch viele der ehemals seltenen Arten anzutreffen (31), neue sind hinzugekommen (14). Im Vergleich mit ähnlichen Gewässern verfügt der Main über eine relativ hohe Artenzahl (45).

Wie oben erwähnt finden sich heute im Main flusstypische Lebensgemeinschaften, die es zu entwickeln gilt. Allerdings wäre es unrealistisch, den Zustand vor der Industrialisierung als Ziel zu definieren.

4. Klimaroute: Was kann man im Hinblick auf Artenvielfalt überhaupt erreichen?

Wichowski: Geht man vom aquatischen Bereich, den Fischarten aus, heute leben im Main 31 von 38 Arten der ursprünglichen (potentiell natürlichen) Fischfauna, so ist dieses Ziel annähernd erreicht. Viel wichtiger ist es jedoch, diesen Artenbestand nachhaltig zu sichern: Dieses Ziel wird seit vielen Jahren in der Hessischen Umweltverwaltung, so auch vom Regierungspräsidium Darmstadt, verfolgt (z. B. durch Artenschutz- und Wiederansiedlungsprojekte). In Verbindung mit der Umsetzung der EU-WRRL wird derzeit versucht das ökologische Potential des Mains zu bestimmen, u.a. um den Begriff Artenvielfalt greifbarer zu machen. Die Artenvielfalt wird maßgeblich von der Lebensraumvielfalt bestimmt. Es wird also darauf ankommen so viel Vielfalt zu schaffen, wie die vorhandene Nutzung ermöglicht.

5. Klimaroute: Welche großen Vorhaben verfolgt das Regierungspräsidium bzgl.
Biodiversität für die nächsten zehn Jahre am Main und seinen Zuflüssen? Wo liegen die größten Probleme?

Wichowski: In der hessischen Landesverwaltung ist das Regierungspräsidium Darmstadt Fach- und Bündelungsbehörde des Landes Hessen und nimmt eine Vielzahl von Aufgaben wahr. Der Schwerpunkt der Aufgaben liegt in der Region Frankfurt/Rhein-Main/Südhessen, einer der bedeutendsten Wirtschaftsregionen der Europäischen Union mit rund 4 Millionen Einwohnern. Angesichts dieses Aufgabenspektrums fällt es schwer, einzelne Vorhaben herauszuheben.

An dieser Stelle kann ich nur aus Sicht des Regierungspräsidium Darmstadts als Obere Wasserbehörde antworten: Bezüglich des Mains ist dies die EU-WRRL der wir bei unserer Arbeit besondere Beachtung schenken müssen. Im Maßnahmenplan der EU-WRRL sind zahlreiche Maßnahmen am und im erwähnten Gewässersystem aufgelistet, die z.B. der Verbesserung der ökologischen Durchlässigkeit und der Hydromorphologie oder der Aufwertung der Gewässeraue dienen sollen. .
Ziel ist es, bis 2015/27 die gute ökologische Qualität in den Gewässern zu erreichen. Diese Aufgabe wird uns in den nächsten Jahren beschäftigen.
In einem Ballungsraum wie dem Rhein-Main-Gebiet mit vielfältigen, teilweise divergierenden Nutzungsinteressen ist es von großer Bedeutung diese Maßnahmen so zu konzipieren, dass sie die Zustimmung aller Betroffenen finden. Am Main sind insbesondere auch die Fragen der Schiffbarkeit zu beachten.
Aufgabe des Regierungspräsidiums Darmstadt ist es die verschiedenen Nutzungsinteressen zu bündeln, ggf. abzuwägen und sie im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Genehmigungsverfahren zu realisieren. Folgende Aspekte stehen dabei im Vordergrund. Nachhaltigkeit, Transparenz und Rechtssicherheit. Das ist nicht immer ganz einfach.

6. Klimaroute: Welche Veränderungen sehen Sie in den nächsten Jahren durch den Klimawandel bzgl. des Lebens im Main?

Wichowski: Da ich kein Wetterfachmann bin, kann an dieser Stelle nur aus meiner persönlichen Sicht antworten: Ich gehe davon aus, dass infolge einer moderaten Erwärmung die wärmeliebenden Arten aus dem Donauraum im Main regen Zulauf erhalten werden.

7. Klimaroute: Welcher internationale Fluss fasziniert Sie persönlich am meisten?

Wichowski: Da gibt es mehrere: In Südamerika der Amazonas, in Kanada und Alaska der Yukon, im Osten die Elbe und die Donau mit ihren artenreichen Fischbeständen.

8. Klimaroute: Jeder hat seine eigene Flussgeschichte, woran denken Sie, wenn Sie an Ihre Kindheit und Jugend zurückdenken bzgl. Flüssen/Bächen?

Wichowski: Staudämme, Wassermühlen, Fischfang, Schlammschlachten, Kanufahrten und nasse Füße.

nach oben

 

Interview mit Prof. Peter Sebbing, HfG Schwäbisch Gmünd

Prof. Peter Stebbing ist Professor für Designgrundlagen an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd. Er ist einer enthusistischsten Ökoaktivisten in der Designszene, u.a. als Kopf der Arbeitsgruppe „Designausbildung für nachhaltiges Entwerfen“ des internationalen Designhochschulnetzwerkes Cumulus.

Prof. Peter Stebbing
Prof. Peter Stebbing

Klimaroute: Herr Prof. Stebbing, Stichwort Design und Schöpfung.

Stebbing: Aus der Naturwissenschaft lernen wir, dass die Natur mit vollständiger Information und praktisch unendlicher Zeit gestaltet. Leider gehen viele der Probleme, mit denen wir uns im Design beschäftigen müssen, auf Denkgebäude zurück, die mit sehr begrenzten Zeiträumen, Ideen und Budgets arbeiten müssen. Im Ergebnis arbeitet Design stets mit unvollständigen Informationen und ist daher dazu verdammt, Fehler zu machen, auch wenn sich dies nicht sofort zeigt. Die Entwicklungen der Natur, mit Ausnahme, derer des Menschen, sind stets nachhaltig.

Klimaroute: Sie gehören zu der nach wie vor kleinen Gruppen von Designern, die sich systematisch und konsequent dem Thema Nachhaltigkeit widmen. Wie passen Design und Nachhaltigkeit zusammen?

Stebbing: Mir erscheint dies ein Verhältnis, das mit größten Problemen behaftet ist, da Design, im Einklang mit Werbung und Marketing, seit dem 2. Weltkrieg als wirtschaftliche Wachstumstreiber begriffen wurde. Nun stehen wir vor der Herausforderung, dies dringend neu zu definieren und zu ändern, während wir in unserer westlichen Konsumentenhaltung noch völlig blind für ein neues Selbstverständnis von Design sind. Das Problem ist vergleichbar dem Roman »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury, wo die Feuerwehr statt zu löschen Brände legt. Design muss sich in radikaler Form umdefinieren. Unsere größte Ressource sind die Menschen selbst. Design muss damit aufhören, Dinge zu gestalten, die uns Menschen nicht glücklicher machen. Stattdessen muss es gelingen, mit den Menschen für die Menschen zu entwerfen. Hier spielt das »Design für soziale Nachhaltigkeit« des italienischen Designpädagogen und –programmatikers Prof. Ezio Manzini aus Mailand eine zentrale Rolle.

Klimaroute: Sie legen großen Wert darauf, dass Ihre Designstudenten naturwissenschaftliche Literatur lesen. Wollen Sie Wissenschaftler aus ihnen machen?

Stebbing: In gewisser Weise ... Ja, das ist eine spannende Frage. Just jener Ezio Manzini ging auf diesen Punkt ein, als ich während der Cumulus Konferenz in St. Etienne dafür warb, dass Designer mehr naturwissenschaftliche Literatur lesen sollten, um mit Nachhaltigkeitsthemen besser umgehen zu können. Ich sagte bei diesem Anlass dazu: „Es geht mir nicht darum, dass sie Wissenschaftler werden, auch wenn Designer auch heute schon wissenschaftliche Methoden nutzen, um zu gestalten. Vielmehr sollten sie keine naturwissenschaftlichen Analphabeten sein, da sie sonst nicht in der Lage sind, gehaltvoll an nachhaltigen und innovativen Designlösungen zu arbeiten. Es ist schlicht so, dass wir nur über die Kenntnis naturwissenschaftlicher Sachverhalte verstehen können, was wir in der Welt momentan mit unserer Produkt- und Warenkultur überhaupt anrichten. Das ist etwas, von dem die amerikanischen Republikaner zum Beispiel nicht wollen, dass wir es verstehen. Außerdem müssen Designer wissen, was die jüngsten Entdeckungen und Erfindungen sind, um diese in zukunftsweisende nachhaltige Produkt- und Servicekonzepte einzubauen. Dabei geht es sowohl um bionische Konzepte als auch um maximale Ressourceneffizienz.

Prof. Peter Stebbing

Klimaroute: Was heißt "Design education for sustainability" (Designausbildung für nachhaltiges Entwerfen)? Und muss dies auf Hochschulen beschränkt sein?

Stebbing: Das bedeutet eine Erziehung und Ausbildung, die gutes Design hervorbringt. Design, welches die Wiederverwendung sämtlicher verbauter Materialien nicht ermöglicht, ist schlechtes Design. Design, welches in nicht zwingend nötigem Umfang Ressourcen und Energie verbraucht, ist schlechtes Design. Wir müssen unser Denken dergestalt ändern, dass wir uns klarmachen, dass Ressourcen nur vorübergehend

ausgeliehen werden und nicht „verbraucht“ werden dürfen, wenn wir ein Produkt gestalten und produzieren. In unserem Jahrhundert werden zentrale Ressourcen wie Kohle, seltene Erden, Trinkwasser, natürliche Nahrungsbestände wie Fisch zur Neige gehen werden. Bei Öl geht man davon aus, dass der Höhepunkt der Förderung bereits im Jahre 2006 überschritten wurde. Das nennt man „peak“. Peak bedeutet, dass die Nachfrage den Bestand übertrifft und dies künftig in noch größerem Ausmaß tun wird, insbesondere da – trotz aller Lippenbekenntnisse – niemand Anstalten macht, den Verbrauch fossiler Energien substantiell zu verringern. Nachhaltiges Design auf allen Ebenen des Entwicklungs- Planungs- und Entwurfsprozesses muss zu einem zentralen Baustein sämtlicher Lerninhalte, vom Kindergarten angefangen, werden. Nochmal: Wir müssen uns grundlegend klarmachen, dass wir Ressourcen nur ausleihen dürfen, und dass man Ressourcen in einem nachhaltig gedachten System nicht „besitzen“ und „verbrauchen“ darf. Sie müssen stets rückführbar sein. Unser gegenwärtige Situation offenbart das ganze Dilemma der westlichen Kultur: Sie ist primitiv, gierig, egoistisch, selbstherrlich. Dieses bizarre Verhalten findet man bei Naturvölkern, die im Einklang mit der Schöpfung leben, wie etwa die San der Kalahari Halbwüste, nicht.

Diese Art zu denken muss man nicht aufoktroyieren. Ich war z.B. beigeistert, als ich mitbekam, dass mein 11-jähriger Sohn eine Öko AG in seiner Schule gegründet hat. Man ist nie zu alt oder zu jung, um etwas zu tun.

Klimaroute: Welches einzelne von Menschen gemachte Phänomen schadet uns am meisten?

Stebbing: Ich bin kein Experte, aber ich würde sagen: Der Verlust an biologischer Vielfalt. Wissenschaftler warnen davor, dass wir uns in der weltgeschichtlich 6. Welle des Artensterbens befinden. Das letzte Mal als vergleichbar viele Arten ausstarben, das war als vor 60 Millionen Jahren ein Komet einschlug und die Artenwelt des Dinosaurier-Zeitalters auslöschte. Das Problem besteht nicht in einem numerischen Artenverlust, sondern, darin, dass wir unsere eigenen Lebensgrundlagen vernichten

Der ehemalige Deutsche Bank Top-Manager Pavan Sukhdev beschreibt den dramatischen Verlust, den wir durch dieses Verhalten erleiden, in ökonomischen Dimensionen mit einem anderthalbminütigen Youtube-Clip, der mich zutiefst erschüttert.

Er erläutert, dass wir, was er „natürliches Kapital“ nennt, im Umfang von 2-5 Billionen Dollar pro Jahr verlieren, dies entspricht 7% des globalen Sozialproduktes. Wir verlieren Wälder, die uns als Lebensraum für Tiere aber auch beim Abbau der Emissionen fehlen. Wir verlieren in dramatischem Ausmaß Mikroorganismen, die unsere Ackerböden fruchtbar machen. Ebenso verlieren wir immer mehr Mikroorganismen, die am Boden der ozeanischen Nahrungskette stehen, da wir den Ozean durch die CO2 Emissionen so sehr übersäuern, dass die Kalk-Skelette dieser Lebewesen zerstört werden. Doch von ihnen leben die gesamten höheren Wirbeltiere im Meer. Das bringt den Fischfang zum Erliegen – und erst dann merken wir es, also viel zu spät. Zugleich berauben wir uns der medizinischen Ressourcen der Tropenwälder. Wir verlieren in einem ebenso dramatischen Ausmaß Bienen, die uns beim Bestäuben unserer Lebensmittelpflanzen fehlen. Wenn bei einer Fortschreibung dieses Verhaltens die Bienen in 20 Jahren ausgestorben sind, wird die Menschheit nicht in der Lage sein, sich zu ernähren. Dann werden Wissenschaftler sich fragen, wie wir so ungeheuer dumm sein konnten, dies geschehen zu lassen.

Prof. Peter Stebbing

Klimaroute: Sie sind seit Jahren in internationalen Designorganisationen mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst. Was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Stebbing: Was unsere Antworten im Rahmen der Designausbildung aber auch darüber hinaus betrifft, würde ich sagen: zu wenig, zu langsam. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern haben wir die 2-Grad-Hürde bereits gerissen und können froh sein, wenn wir die Erderwärmung bei 3-4 Grad Celsius stabilisieren können. Wir können ein wahrhaft apathisches gesellschaftliches Verhalten in der Angelegenheit beobachten, das auf unsäglichen politische Unsinn zurückgeht

Nichtsdestotrotz müssen wir die klare Message an jeden vermitteln: „Es hängt alles von Dir ab.“ Das hilft bereits die kleinste Geste, es gibt so viele Informationen darüber, wie man ein CO2-Emmission-armes Leben führen kann. Die Botschaft ist: Fang einfach damit an. Millionenfach wiederholte winzige Handlungen summieren sich zu einem großen Effekt.

Klimaroute: Kopenhagen ist gescheitert, Cancún ist gescheitert. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Stebbing: Weiterarbeiten, weiter lächeln, weiterhin enthusiastische und nach vorne denkende Freunde zusammenbringen, um mit ihnen zusammen unsere Vision einer nachhaltigen Welt zum Leben zu erwecken.

Klimaroute: Kann Design ohne veränderte politische Rahmenbedingungen überhaupt etwas tun?

Stebbing: Wir müssen leider feststellen, dass unsere parlamentarischen Demokratien nicht mit dem Problem umgehen können. James Hansen, der Klimamodellexperte der NASA, sagte im Jahr 2009 zur Tageszeitung The Guardian, dass die Firmen-Lobbyisten die demokratisch legitimierten Versuche, die CO2-Emissionen zu kappen, unterlaufen haben. „Der demokratische Prozess baut auf der Überzeugung auf, dass eine Person eine Stimme repräsentiert, nun müssen wir jedoch feststellen, dass das Geld in dieser Angelegenheit mit einer lauteren Stimme sprich als der demokratische Diskurs. ... daher glaube ich, dass eine Bewegung friedlicher Demonstrationen notwendig geworden sind, da uns die Zeit davonläuft.“
Wir recht er 2009 mit dem Thema Geld hatte. Die Finanzwelt hat uns seitdem alle zur Geisel genommen, in ökonomischer wie in ökologischer Hinsicht. An der Spitze der Gesellschaft sitzen heute zu viele korrupte Akteure und was gut war, wird rasch ins Gegenteil verkehrt. Wikileaks hat fein herausgearbeitet, wie Shell jedes einzelne Regierungsressort Nigerias mit eigenen Leuten infiltriert hat. Und schauen Sie sich an, wie die Politik die Banken stets erneut davonkommen lassen. Eher lässt man Staaten pleitegehen als Banken. Unglaublich. Wenn die Politik nicht einmal in der Lage ist, ein im Grunde reichlich schlichtes Problem wie Bonuszahlungen für Pleite-Vorständen anzupacken, wie soll es ihr jemals gelingen, irgendwie effizient gegen die Erderwärmung vorzugehen, bevor es zu spät ist. 2010 war das wärmste Jahr seit es Aufzeichnungen gibt. 2003 sind in Frankreich 20, 30 Tausend Menschen an einer Hitzewelle gestorben. Jetzt, da wir am Boden liegen, gibt es eigentlich nur eine Richtung: aufwärts, vorwärts in die richtige Richtung.

Prof. Peter Stebbing

Klimaroute: Sie haben die Begriffe "Mitigative Design" und "Adaptive Design" in die Design-Diskussion eingeführt. Erklären Sie uns bitte die Bedeutungen.

Stebbing: Dies könnten neue Wege sein, um Design-Diskurse zu führen. Die Idee mitigativer und adaptiver Verhaltensweisen werden in anderen Zusammenhängen ausführlich besprochen. Ich übertrage sie lediglich auf das Design. Mitigatives Design bezeichnet in diesem Zusammenhang ein Design, welches keine oder nur sehr wenige Emissionen verursacht, die zur Erderwärmung beitragen. Das heißt, in anderen Worten, ein Design, das nicht a priori Probleme verursacht. Das bedeutet z.B. abgasfreie Autos zu bauen. Adaptives Design bezieht sich auf eine a posteriori-Situation, also darauf, mit den Problemen etwa der Erderwärmung auf angemessene Weise umzugehen. Mitigatives Design könnte also etwa daraus bestehen, Gebäude und Geräte zu entwerfen, die sich selbst kühlen und nicht auf Elektrizität aus Kraftwerken angewiesen sind, in denen Kohle verbrannt wird und CO2 emittiert wird. Der Begriff adaptives Design wird unterdessen auch auf Lösungen angewandt, mit denen z.B. Menschen vor Folgen der Erderwärmung, etwa Bränden und Fluten, geschützt werden können. Mitigatives Design versucht also, ein Problem gar nicht erst entstehen zu lassen, adaptives Design geht mit den Folgen von entstandenen Problemen um

Klimaroute: Sie kennen auch China gut, wo genau das Gegenteil dessen passiert, was man als nachhaltiges Wirtschaftssystem bezeichnen kann? Welche Ansatzpunkt bzgl. China sehen Sie?

Stebbing: Es mag etwas seltsam klingen, aber China hat einen großen Vorteil, der in seinem autokratischen politischen System begründet liegt. Das heißt keineswegs , dass ich mit der politischen Führung und deren Konzepten einverstanden bin. Wie auch immer, die Regierung kann einen 5-Jahresplan aufstellen und machen was sie will. Wenn man zum Beispiel in der Zeitung liest, dass China zu einem Tag X einen soundso großen Anteil seiner Energie aus Solarstrom beziehen will, dann wird das gelingen. Diese Art von Durchsetzungskraft brauchen wir, um auch nur die Chance zu haben, mit dem Ressourcenschwund und den Herausforderungen des Klimawandels umzugehen. Das ist zugegebenermaßen nicht sympathisch, aber effizient. Unser größtes Problem sind die skrupellosen wohlhabenden Lobbyisten der großen Multis, die nach Belieben Politiker kaufen und unsere Biosphäre zugunsten ihrer Profite in die Tonne treten.

Prof. Peter Stebbing

Klimaroute: Wenn Sie freie Hand und die ausreichenden investitiven Mittel hätten, welches Projekt  würden Sie als erstes anpacken?

Stebbing: Ich habe keine einzelne Idee dazu, das ist fiktiv, aber wenn ich anfangen soll: Ich würde den gesamten Überland-Containerverkehr von der Straße holen und auf die Bahn oder Kanäle packen. LKW gäbe es nur noch im Nahverkehr. Ich würde sämtliche bislang an die Straße gehenden Subventionen in den Bahnverkehr stecken. Ich würde die Bahntransportkosten prinzipiell um die Hälfte senken. Ich würde sämtliche Ticketing- und Interface-Lösungen, die momentan im ÖPNV auf dem Marks sind, abschaffen, und durch Systeme ersetzen, die jedes Grundschulkind auf einen Blick und mit einem Klick beherrscht. Alle Plastikflaschen und –tüten würde ich abschaffen (Selbst San Francisco hat die Plastiktüte aus der Stadt verbannt, wieso geht das nicht auch hier?). Sämtliche Hersteller sämtlicher Plastikgegenstände müssten die komplette chemische Zusammensetzung der Produkte auf diese drucken. Das würde hoffentlich zur Reduktion der Krebsraten und zur Senkung der medizinischen Kosten führen. Aber so könnte ich jetzt tagelang weiterspinnen, leider habe ich diese Möglichkeit als Einzelperson nicht.

Klimaroute: Jeder hat seine Flussgeschichte. Woran denken Sie, wenn Sie an Ihre Kindheit und Jugend zurückdenken in Bezug auf Flüsse?

Stebbing: Ich habe sehr glückliche Erinnerungen an einen Wassertank, mit dem ich als Kind Boot gespielt habe und auf den Entwässerungsgräben unseres südostenglischen Bauernhofes, auf dem ich aufgewachsen bin, hin und her schipperte. Mir kommen sonnige Tage in den Sinn, als ich in diesem „Boot“ lag und das stille Leben im kristallklaren Wasser bestaunte: unter Wasser schwankendes Hornblatt, Gelbrandkäfer, Libellelarven, Stichlinge, Wasserläufer ...

(Übersetzt aus dem Englischen: Georg Christph Bertsch)

nach oben

 

Interview mit Marie-Theres Deutsch, Architektin und Stadtplanerin

Klimaroute sprach mit der Frankfurter Architektin und Städteplanerin Marie-Theres Deutsch über die Bedeutung des Maincafé, die Öffnung zum Fluss und Maare in der Eifel.

Klimaroute: Frau Deutsch, Manche verstehen Sie als die Mutter sämtlicher gestalterischer Hinwendung zu Main. Was ist da dran?

Deutsch: Als Mainspaziergängerin war ich jahrelang neugierig, was sich hinter den vermauerten Türöffnungen in der Kaimauer befindet. Ein Brückenprüfingenieur vom Straßenbauamt hatte die passenden Geschichten – und die Schlüssel! Schon war das Konzept der kleinen Orte geboren. Für die in den 70igern stillgelegten und verschlossenen Toiletten entwickelte ich genehmigungsfähige Entwürfe für kleine Bars. Damit wurden Gastronomen angeworben. Die erste Bars - die Strandperle am Eisernen Steg – führte ich sehr zügig selbst aus. Das Maincafe – heute ein Magnet, damals eine eingebrochene Toilette - wagte erst der dritte beworbene Gastronom zu bespielen. Als Architekturstudentin der Städelschule erlebte ich 15 Jahre zuvor den Um- und Ausbau der Villen zu Museen. Die Perlenkette wuchs, großartige und hehre Orte der Kunst - das Ufer war tot. Es gab nicht eine Gelegenheit, am Wasser zu sitzen – ich entschied für mich: oben die Kunst, unten das Leben.

deutsch_500

Marie-Theres Deutsch

Klimaroute: Frankfurt und in der Folge andere Städte haben sich dem Main geöffnet, womit hängt das in Ihren Augen vor allem zusammen?

Deutsch: Die Wiederaufbauzeit ist vorbei und die Städte wenden sich wieder der `Schönheit´ Ihrer Städte zu – man spricht inzwischen wieder vom Mehrwert, der über Ästhetik in Stadtplanung und Architektur erreicht wird. Mit der Initialzündung kommt der Schneeballeffekt…

Klimaroute: Wenn Sie freie Hand und die ausreichenden investiven Mittel hätten, welches Projekt am Main würden Sie als erstes anpacken?

Deutsch: Das Fahrtor als Mitte der Stadt – bis zum Schleifen des Walls das Tor zur Stadt vom Main aus. Hier könnte ein Platz von 4.000 m² vor dem Historischen Museum entstehen – heute ist der Ort zur Straßenkreuzung verkommen. Die Chance zur Neuordnung während des Neubaus des Historischen Museums sollte unbedingt genutzt werden. Daran sollten die Umnutzung der Erdgeschoße der 50iger Jahre Wohnhäuser am Wasser in öffentliche Nutzungen wir Cafes und kleine Läden geknüpft werden.

Klimaroute: Welche Entwicklung oder welches Projekt am Main halten Sie für am besten gelungen?

Deutsch: Das Maincafé – es hat sich ohne großes Aufheben zu einem etablierten Ort entwickelt, ohne seine Lebendigkeit einzubüßen. Ähnlich die - leider abgerissene - Strandbar an der Weseler Werft. Die Steifigkeit der Museumscafés ergänzt sich wunderbar durch lebendige Orte dieser Art.

Der Startschuss 1998 des Mainuferprojektes hat eine lange Reihe weiterer Projekte angestoßen. Wie selbstverständlich hat eine `Stadtentwicklung von unten´ eingesetzt. In den zuvor erwähnten Wohngebäuden der 50iger Jahre am Wasser haben sich 13 Jahre nach dem Startschuss Privatinvestoren gefunden, die in den Erdgeschossen unspektakulär und effektiv das herstellen, was städtische Wohnungsbaugesellschaften versäumt haben.

 

Maincafe_weit

Sommerliches Maincafe

Klimaroute: Andersrum, was wird momentan am meisten falsch gemacht, wenn man die Entwicklung am Fluss betrachtet?

Deutsch: Die von mir vorgeschlagenen Orte waren damals zu klein und unwirtschaftlich für die städtischen Gesellschaften. Als sie durch das Engangement privater Investoren entwickelt worden waren, betrachtete man sie neidvoll. In der Folge wurden nur noch saisonale Pachtverträge erteilt. Hohe Investitionen würden einen Ort etablieren, dies versucht man politisch zu verhindern. Die Stadtplanung möchte die Kontrolle bewahren - zu kostbar sind die wenigen Liegenschaften am Wasser. Lebendige, funktionierende Orte wurden schon vor einigen Jahren geschlossen, damit anschließend die Beamten jahrelang an der Aufgabenstellung für einen Planungswettbewerb herumkauen und diskutieren.

Die Wirtschaft misst heute in Softfaktoren, dank des lebendigen Ufers ist Frankfurt heute zu einer sehr beliebten Stadt geworden.

Klimaroute: Welche Rolle spielt in Ihren Überlegungen der Naturschutz, insbesondere die Biodiversität?

Deutsch: Die Landschaftsräume, die wir noch besitzen, sollten unbedingt geschützt werden – keine Picknick-Wiesen, keine Spielplätze, kein Geschrei, auch nicht in den Uferzonen der Naherholung. Ich könnte mir regelrechte Führerscheine zu Benutzung vorstellen.. Nur, wo sind sie, die Landschaftsräume? In den Abfahrten unserer Autobahnkreuze? Dort haben sich Zonen der Biodiversiät entwickelt – das können wir so schlecht betreten. Vor einigen Jahren konnte ich häufiger mit einer Försterin durch den Wald zu streifen. Dabei musste ich lernen, dass das, was wie Wald aussah, schon lange kein Wald mehr war. Es hielt nur dem ersten Blick stand…

Klimaroute: Welche Rolle kann/sollte die Klimaroute in Ihren Augen spielen?

Deutsch: Nachdem das Mainufer in Frankfurt sich entwickelt hatte, kamen die Oberbürgermeister von Offenbach und Eltville auf mich zu, die Stadtverwaltung in Mühlheim – für all diese Gemeinden habe ich `Kleine Orte´ am Wasser entwickelt. Die Ergebnisse sind heute zu sehen. Auffällig blieb jedoch: jede Gemeinde arbeitet für sich, nie in Verbindung zueinander. Daraufhin entwickelte ich das Mainlust-Shuttle – zunächst für Frankfurt. Wieder kam der OB von Offenbach auf mich zu…
Was liegt näher, als die Verbindung all dieser Orte über den Fluss herzustellen. Ein Verkehrsmittel, was nicht nur Gemeinden, auch Länder miteinander verbindet. Die Klimaroute ist das geeignete Medium, um die Hoheit einzelnen Gemeinden aufzulösen, damit die Flußanlieger in Rheinland-Pfalz, von Hessen und Bayern einer übergreifenden Idee folgen können.

Mainstrand

Entspannen am Mainstrand

Klimaroute: Wenn Sie sich in der Welt umschauen, wo sehen Sie Vorbildliches, Projekte die wir uns genauer anschauen sollten?

Deutsch: Vor zwei Jahren hielt ich mich projektbezogen häufiger in Äthiopien auf. Dort entstehen Projekte seitens der GTZ entlang von Trockenflüssen, die durch Wasserhaltung und einfachsten Kanalsystemen die Ufer befruchten. Die Bevölkerung wird zur Pflege angeleitet und betreut. Es entstehen ohne große Anstrengung Selbstversorger, die mit geringer Anleitung aus dem Raster der Ärmsten herausfallen können.

Klimaroute: Betonbau und Klimawandel sind ein heißes Thema. Die CO2-Emission beim Abbinden des Betons ist ein massiver Klimakiller. Spielt dies in Ihren Überlegungen und Planungen hinsichtlich der Bautechnik bereits eine Rolle?

Deutsch: Ich bin vom Werkstoff Beton nach wie vor sehr überzeugt – er gibt mir die Möglichkeit fast jede Form und fast jeder Oberfläche herzustellen. Forschungen zur verminderten CO2 Ausstoß, zum monolithischen Wärmedämmbaustoff, zur Transparenz – dies alles ist mit dem faszinierenden Baustoff Beton schon heute möglich. Ein Ende der Technologien ist nicht abzusehen.

Klimaroute: Jeder hat seine Flussgeschichte. Woran denken Sie, wenn Sie an Ihre Kindheit und Jugend zurückblicken hinsichtlich Flüssen, Bächen?

Deutsch: Ich lernte im Holzmaar, dem kleinsten Maar in der Eifel, schwimmen. Faszinierend war der Gedanke, über den Krater zu schwimmen. Was ich jedes Mal tat… schließlich war der letzte Vulkanausbruch vor gerade mal 11.000 Jahren.

nach oben

 

Interview mit Hajo Bergmann, Dokumentarfilmer

Klimaroute sprach mit Hajo Bergmann, der seit mehr als 20 Jahre in Pakistan unterwegs ist und zahlreiche Dokumentarfilme gedreht hat. Für die Dokumentation "Induswelten reiste er über 3 000 Kilometer den Indus entlang, vom Flussdelta in Südpakistan bis zur chinesisch-pakistanischen Grenze im Karakorum.

Klimaroute: Herr Bergmann, Sie kennen den Indus, einen der Klimaroute-Projektflüsse, gut. Was hat Sie zu der ausführlichen 2teiligen Dokumentation »Induswelten« veranlasst?

Bergmann: Mein Interesse an Zentral- und Südasien reicht lange zurück, bis ins Jahr 1984. Damals war ich bei einer der frühesten Kailasch-Expeditionen beteiligt. Fünf Jahre später kam ich erstmals an den Indus. Seitdem bin ich stets tiefer in diese Region und die damit verbundenen Themenkomplexe eingestiegen.

Hajo Bergmann 

Hajo Bergmann

Klimaroute: Waren Sie von der exotischen Faszination des Flusses getrieben?

Bergmann: Mein Ansatz war eher pragmatisch – ich wollte ein großes Indusprojekt machen, das übrigens noch nicht abgeschlossen ist. Letztes Jahr habe ich im Ladakh gedreht. Meine beiden Indus-Filme wurden zunächst bei ARTE ausgestrahlt, in einer Reihe, die auf anspruchsvolle Bildungsunterhaltung setzt. Der Indus hat mich auch deshalb interessiert, weil er am Kailasch entspringt.

Klimaroute: Erläutern Sie uns kurz den Begriff »Induskultur«.

Der Indus ist als Kulturraum unvergleichlich, denn die Zivilisation dort ist – mindestens – 10.000 Jahre alt. In Mohendojaro sieht man hochentwickelten Städtebau mit Wasserversorgung, Bädern, Toiletten etc. Unter den ausgegrabenen Städten werden zur Zeit jedoch noch tiefere, noch ältere Schichten gefunden! Die Induskultur ist in vielerlei Hinsicht ein Symbol für historischen Wandel. Es kommt noch dazu, dass der „Fluss der Kulturen“ seit den politischen Veränderungen in Pakistan immer mehr in Vergessenheit gerät. Ich will ihn wieder ins Bewusstsein rufen.

Klimaroute: Wie nähert man sich dem Phänomen der aktuellen Indus-Kultur?

Bergmann: Man führt sich am besten den Verlauf vor Augen: Er kommt aus Tibet, einer buddhistisch geprägten Sphäre, dann rauscht er nach Ladakh, einer Multikulti-Region. Dann am Übergang nach Pakistan ist er unglaublich lyrisch und verwunschen, mit vielen Sandbänken, auch sehr fischreich: Baltistan ist wohl der schönste Abschnitt, den ich kenne am Indus und der unbekannteste. Dort wird der Kulturraum islamisch. Nun strömt er vorbei am K2, dann streift er die Hunza-Region, eine eher zorostarisch geprägte Kultur unter dem Protektorat des Aga Khan, zwischen Himalaya und Kharakorum. Schließlich, mit dem Erreichen der weiten Ebene, zieht er träge durch das muslimische Land mit vielen Sufi-Heiligtümern, nun schon in zahlreiche Kanalsysteme unterteilt. Im Deltabereich rollt er, vor dem Erreichen des Arabischen Meers, durch die ursprünglich hinduistisch geprägte Kulturlandschaft des Subkontinents. Doch sein Delta erreicht er heute kaum noch. Das Wasser wird fast vollständig agrarisch genutzt.

Klimaroute: Was macht so ein Fluss mit den Menschen, die an ihm leben?

Bergmann: Er bringt in eine Wüstenlandschaft Wasser. Er trägt Millionen Tonnen Lös und Mineralien über Tausende von Kilometern. Die gesamte Landschaft wäre ohne den Indus nicht entstanden. Die Menschen haben sich an diesen nahrungsreichen Gestaden angesiedelt und vermehrt. Es gab ursprünglich massenhaft Fisch, Wild, Sumpfgebiete, dichte Wälder. In der Region kreuzen sich die wichtigsten Handelwege, von daher entstand eine facettenreiche, multikulturelle Gesellschaft. Die Entwicklung in der letzten Zeit ist jedoch extrem negativ. Die soziale Frage hat sich gerade radikal verschärft, vor allem durch die beängstigende Steigerung der Rohstoffpreise; die Brotpreise haben sich binnen weniger Jahre verachtfacht, die Teepreise verzehnfacht. Die Region der Induskultur war eher liberal, sehr weltoffen, mit vielen kulturellen Einflüssen von den Persern über die Heere Alexanders bis zu den Moghulen. Der Indus weckte Begehrlichkeiten.
Auch heute ist der wirtschaftliche Faktor bei der jüngsten kulturellen Verarmung und Isolation hoch anzusiedeln.

Induslauf

Der Indus am Oberlauf

 Klimaroute: Das Flusswasser selbst ist ja ein relevantes Wirtschaftsgut.

Bergmann: Selbstverständlich. Die Landlords sind die Feudalherren und streiten um das Wasser, graben es sich gegenseitig ab. Leidtragende sind immer die Pächter und Landarbeiter. Der Indus wird bald nach dem Eintreten in die Ebene in 4-5 Kanalsysteme aufgeteilt, dann ist er kein Indus mehr, sondern das größte Bewässerungssystem der Welt. Diese unzähligen Kanäle werden von den Landlords kontrolliert, aber leider nicht saniert. Viele Grundwassereservate sind noch dazu von den Schweizer Lebensmittel- und Wasserkonzernen aufgekauft worden, die bohren überall, sowohl in Indien als auch in Pakistan.

Klimaroute: Wie ist die Wasserverschmutzung am Fluss zu beurteilen?

Bergmann: Eine Antwort vorab: So lange die Menschen nichts zu essen haben, entstehen auch keine Kläranlagen, noch dazu in einem Land, in dem die Korruption grassiert. Nun aber zur konkreten Frage: Im Hochgebirge ist der Fluss aufgrund der geringen zivilisatorischen Einflüsse sehr sauber. Sobald er in die Ebene und insbesondere in den riesigen Bereich des Deltas eintritt ist er sehr schmutzig, mit Fäkalien und Düngern, organischen und chemischen, verschmutzt. Viel drastischer ist jedoch die Versalzung: Im unteren Drittel ist der Fluss salzig, einerseits durch Einleitung von salzhaltigen Grundwässern, aber auch dadurch, dass das Meer in das weitgehend entleerten Flussbett eindringt. Das Problem könnte man leicht beheben. Es würde nichts anderes bedeuten als alte Kanäle zu renovieren. Aber nicht mal dies ist zur Zeit machbar. Gleichzeitig werden Biotope endgültig zerstört. Zur Zeit ist die »Öffentlichkeitsarbeit« Pakistans so schlecht, dass in dieser Hinsicht rein gar nichts passieren kann. Wenn internationales Geld käme, würde es ohnehin in dunklen Kanälen versickern. Es gab zum Thema der Indusverschmutzung und aufsteigendes Salz immer wieder internationale Konferenzen, seit 30 Jahren, die sind stets verpufft.

 Klimaroute: Man kann nicht über Pakistan sprechen, ohne Osama Bin Laden zu erwähnen.

Bergmann: Dazu nur ganz knapp: Abbottabad, das direkt am Indus liegt, ist so etwas wie das „pakistanische Garmisch-Partenkirchen“, ein bewaldeter Luftkurort. Kein Pakistani glaubt, dass da jemand wie er einfach so leben konnte, ohne entdeckt zu werden.

Klimaroute: Der Indus steht in unserem Projekt für das Thema der zivilisatorischen Einflüsse auf Flüsse aber auch die für Kultur bildende Kraft von Flusslandschaften. Was macht der Indus mit den Menschen?

Bergmann: Eines der Themen die mich immer fasziniert haben, wozu man jedoch einen großen Aufwand braucht, wäre das Beschreiben einer Indusflut. Ich war Zeuge einer Flut, bei der 3000 Brücken gekracht sind. Ich habe dabei erlebt, wie die Leute so eine Flut nutzen. Es gibt eine unglaubliche Adaption an diesen Fluss, diese Leute sind dermaßen leidensfähig, geschickt und clever, machen aus jeder Schieflage etwas. Das Thema Indusflut ist genau so spannend wie die ökologische Seite und wäre noch einen Film wert.

Klimaroute: Thema Staudämme. Im Himalaya sind allerorten Staudammprojekte geplant, auch wenn es oft an Know-how und der Finanzierung mangelt.

Bergmann: Am Oberlauf ist der Fluss meist zu wild, um Staudämme zu bauen. Ein Faktor, auf den ich jedoch aufmerksam machen möchte ist die Sucht der Chinesen nach Rohstoffen, die auch vor Nachbarländern nicht halt macht. Im Gegensatz zu den Pakistanis haben die Chinesen das Geld, das Know-how und die Durchsetzungskraft für solche Megaprojekte. Sie haben in Kasachstan einen gewaltigen Strom trocken laufen lassen. Sie haben große Flüsse im Oberlauf abgepumpt, z.B. auch im Mekong-Einzugsgebiet. Wenn die Chinesen ihre Kontrolle über die Himalaya-Flüsse weiter so ausbauen, dann könnte das auch bald den Indus betreffen. Es gibt sie dann schließlich doch, die Pläne für ein Staudammprojekt am Nanga Parbat. Dabei würden ganz nebenbei auch buddhistische Skulpturen und Felsmalereien versinken. In Pakistan, das jeder denkbare Konspirationstheorie nachhängt, solange sie nur gegen Indien gerichtet ist, sagt man jedoch, dass die Inder den Indus unterirdisch anzapfen und in den Ganges leiten, und das Wasser deshalb nicht im Delta ankommt. Real gesehen sind die Chinesen die aufsteigende Kraft, und auch für viele Pakistani wegen ihrer technischen Kompetenz zunehmend Vorbilder.

 Sandbänke am Indus

Fischer am Indus

 Klimaroute: Der Klimawandel macht sich im Hochgebirge des Himalaya sehr deutlich bemerkbar, wie wir in einem anderen Klimaroute-Interview von Frau Dr. Mohr erfahren haben. Was ist Ihnen bei Ihren Reisen aufgefallen?

Bergmann: Im Himalaya haben wir gesehen, dass die abgeschmolzenen Gletscher dazu führen, dass ganze Dörfer, weite Landschaften sterben, weil kein Wasser mehr da ist. In Pakistan gibt es Anzeichen, der Pharmafrost schmelze am Nanga Parbat und K2, also im Einzugsgebiet des Indus. Besonders die Sommertemperaturen sind auch im Hochgebirge auffällig gestiegen.

Klimaroute: Ist die von Ihnen bezüglich sozialer Förderaktivitäten im Norden des Landes positiv beschrieben Aga Khan-Stiftung auch am Fluss aktiv?

Bergmann: Die sind am Hunza-River tätig zur Bewässerung von Dörfern und Aprikosenplantagen, aber auch im Grenzgebiet zu Afghanistan, weniger am Indus. Das ist alles sehr positiv zu bewerten, besonders was Instandhaltung alter Bausubstanz und die berufliche Ausbildung und Gleichstellung von Frauen betrifft. Hier ist vor allem das Hunza-Tal hervorzuheben, wo sichtbar eine andere, offenere, lichdurchflutete Kultur besteht. Der Hunza-River fließt in den Indus und was den Fluss betrifft, muss man dort am allerwenigsten machen, da er dort oben noch intakt ist.

Klimaroute: Sie beschreiben durch die Augen von Shah Mehdi und den Mohana- Fischern am Beispiel des 500km2 großen Manchar-Sees eine in ihrer Erbärmlichkeit kaum zu überbietende Umweltkatastrophe. Dort wird durch Zuführung salzigen Grundwassers ein ökologisch und ökonomisch höchst produktives Biotop ruiniert. Haben Sie seit der Erstausstrahlung des Films dazu Reaktionen erhalten? Auch aus Pakistan?

Bergmann: Das war mal der Hauptlandeplatz der Vögel aus Sibirien, da herrschte ein unglaublicher Vogelreichtum , und man hat mit Albatrossen Fische gefangen. Das Problem wäre relativ leicht zu beheben gewesen, aber jetzt ist es zu spät. Der See existiert übrigens erst seit 70 Jahren, die Mohanas kamen da hin als er als Überlaufbecken der Indusflut entstanden ist. Damals war das ein Süßwassersee, ein Paradies für Vögel und Fische. Schließlich begannen die Landlords salzige Wässer, die von den Äckern runtergepumpt werden, einzuspeisen, was zunächst die Fischpopulationen zerstörte, dann zum Fernbleiben der Vogelscharen führte und nun mit einem langsamen Absterben des Sees endet. Die Fischer, die mit den gesamten Familien auf Booten lebten, sind unterdessen alle veramt. Die meisten sind bereits weggezogen und wurden zum städtischen Subproletariat in den Slums. Eine zutiefst traurige Geschichte und ein furchtbares ökologisches Desaster.

Klimaroute: Perspektivwechsel. Sie haben ein offenes Auge und leben im Rhein Main-Gebiet. Welche Entwicklung oder welches Projekt in unserer Gegend halten Sie für am besten gelungen?

Bergmann: Grundsätzlich ist die Verbesserung der Wasserqualität seit den 70er Jahren hervorzuheben. Als ich Kind war, in den 50ern und frühen 60ern, konnte man im Rhein nicht baden, das war völlig ausgeschlossen. Der Rhein war eine Kloake, in die täglich in Frankreich tonnenweis Salz eingelassen wurde. Jetzt ist er ein Naherholungsgebiet. 1986 bin ich zum ersten Mal auf dem Rhein gesurft. Da war die Wasserqualität wieder erträglich, seitdem wurde sie noch besser. Die Fische kehrten zurück. In China und großen Teilen Südasiens haben wir heute die genau umgekehrte Entwicklung: Einen grässlichen Raubbau mit der Natur, teils in noch drastischerem Ausmaß als früher hier in Deutschland. Aber wir sollten nicht hochmütig sein, wir haben all die Fehler selbst gemacht. Am Beispiel des Rheins und auch des Mains kann man ausländischen Gästen heute darlegen, dass es möglich ist, Flüsse wieder zum Leben zu erwecken. Als Beispiel ist das sehr wichtig und sehr erfreulich. Man kann selbst Leuten, die kein Auge für Schönheit haben, zeigen, dass intakte Natur gut für die Anrainer ist. Allein die Einnahmen aus touristischen Angeboten, die an den stinkenden Flüssen der 50er und 60er Jahre schlicht undenkbar gewesen wären, sind stattlich. Im Rheingau ist das ökonomisch heute sehr wichtig.

Fortbewegung am Indus

Flussfahrt am Indus

Klimaroute: Kann das auch dem Indus helfen?

Bergmann: Ja. Wenn man Indus-Sanierungen unter geänderten politischen Rahmenbedingungen angehen könnte, würden unsere Beispiele helfen. Gerade war Pakistan betrifft, da kamen früher immer riesenhafte arabische Investitionen an. Das ist heute zum Erliegen gekommen. Wenn man die Induskultur anschaut, da könnte man mit kleinen Maßnehmen viel bewegen. Der untere Indus wäre als Entwicklungsraum viel attraktiver, als etwa Dubai, das wasserlos in der lebensfeindlichen arabischen Wüste liegt. Am Indus gäbe es genügend Möglichkeiten, gerade mit den sehr zurückgenommene, bescheidenen und fleißigen Menschen. Für richtige Investitionen in Flusssauberkeit sind Rhein und Main jedenfalls gute Beispiele. Es gibt auch heute tolle Projekt am Indus. Der WWF kümmert sich aufwendig um die Species des blinden Indus-Delphins, was auch einigen bezahlten Tierschützern Arbeit bringt.

Klimaroute: Andersrum – was wird momentan am meisten falsch gemacht, wenn man die Entwicklung am Main betrachtet?

Bergmann: 500 PS-Motoren, Motorflitzer und Powerboote sind keine gute Entwicklung. Die Zunahme des motorisierten Freizeit-Verkehrs auf den Flüssen ist zu stark.

Klimaroute: Welche Rolle kann / sollte die Klimaroute in Ihren Augen spielen?

Bergmann: Ich bin letztendlich immer noch jemand, der glaubt, dass Akzente und Sensibilisierungen einen Streueffekt haben können. Die Leute müssen mit diesen Themen konfrontiert werden. Es mag komisch klingen, aber die Menschen reisen heute nicht mehr, es sei denn in Ferienanlagen und Städte, sowohl geschäftlich als auch privat. Die Angstdurchsetzung, dass selbständiges Reisen gefährlich sei, hat sich breit gemacht. Das ist schlecht. Es ist gerade für Menschen an einem Technologiestandort unabdingbar, komplett neue, zunächst unbegreifliche Sachen zu sehen und zu reisen, z.B. um zu lernen wie man agrarische Landschaften besser gestalten kann. Das ist auch Arbeit an unserem Zukunftskapital, denn wir stellen immer weniger her und liefern immer mehr Konzepte. Daher sind wir darauf angewiesen, mehr zu wissen. So etwas wie die Klimaroute hat daher auch eine Bedeutung dafür, dass Leute andere Flüsse wahrnehmen und wieder mehr reisen und Austausch zwischen Menschen stattfindet. Es ist, was speziell den Indus betrifft, wichtig, darzustellen, dass es Kulturen gibt, die viel älter sind als unsere eigene.

Klimaroute: Jeder hat seine Flussgeschichte. Woran denken Sie, wenn Sie an
Ihre Kindheit und Jugend zurückblicken, hinsichtlich Flüssen oder Bächen?

Bergmann: Ich muss dem vorausschicken, dass ich dem Wasser verbunden bin. Ich bin unter anderem gelernter Seemann und aktiver Segler. Mein schönstes Flusserlebnis war eine Flussreise zum Mittelmeer, im Alter von 20 Jahren. Das ging von Wiesbaden aus bis Port St. Louis, durch ganz Europa, durch Wehre und Schleusen, Seitenkanäle im Elsass – und nur mit Kartoffeln, Gemüse und Rotwein an Bord. Ich bin nach der Ankunft am Mittelmeer noch vier Monate gesegelt und dann den ganzen Weg auf den Flüssen wieder zurückgefahren. Bei dieser Reise habe ich die Poesie einer Flussreise kennengelernt, vielleicht war das der Auslöser für meine späteren Interessen, vielleicht sogar ein Motivgeber für meine Indus-Filme. Wenn man diese Art der anderen Wahrnehmung und Ruhe einer Flussreise einmal erlebt und schätzen gelernt hat, ist das lebenslang prägend.

nach oben

 

Umweltexploratorium

Klimaroute sprach mit der Designerin Susanne Schiffke sowie den Designern Rolf Degel, Till Hergenhahn und Uwe Tischer vom Umweltexploratorium e.V.. Der thematische Bogen reicht  von Wissensvermittlung durch Design über Arbeit in sozialen Brennpunkten und sozialkritische Designansätze bis hin zu den Entwürfen der Klimaroute, bei denen Hergenhahn und Tischer als Gestalter aktiv sind.

Klimaroute: Stichwort Design und Wissenschaftsvermittlung. Sie scheinen Spezialisten auf diesem Gebiet zu sein. 

Degel: Wir beschäftigen uns seit ungefähr 20 Jahren mit der Aufbereitung, Gestaltung, oder allgemein der Kommunikation und Vermittlung von Umweltthemen. Märkte sind in unseren Augen gesättigt und es ist die Zeit des Abmagerns und der Entmaterialisierung, des Vermietens statt Verkaufens von Produkten, jedoch mit einem hedonistischen statt asketischen Hintergrund.

06b_UX_GRuppe7_GB_w

v.l.n.r.:Till Hergenhahn, Rolf Degel, Susanne Schiffke, Uwe Tischer

Tischer: In dem Zusammenhang entstand der Ansatz, über eine gute Gestaltung, den Menschen umweltrelevante Sachverhalte nahe zu bringen. Nur wer was weiß, kann sich auch anders verhalten.

Hergenhahn: Anfangs entwickelten wir viele Mitmach-Exponate für öffentliche Veranstaltungen, aber auch für Ausstellungen und Messen von Industriekunden. Dazu kamen Aufträge für Mitmach-Museen. Aus dieser Arbeit heraus hat sich der Begriff und die Herangehensweise  des "Workshopexponats" entwickelt. Dabei bauen die Besucher ihr eigenes Exponat und beschäftigen sich dadurch intensiver mit einem Thema. Bei dem Besuch eines Science-Centers ist das so gar nicht möglich ist.

Klimaroute: Was ist das Umwelt-Exploratorium? Wo kommt es her? 

06b_Schiffke4_GB_w

Susanne Schiffke

Schiffke: Umwelt-Exploratorium (UX) ist die Abkürzung für das Umwelt-Exploratorium e.V.. Das Umwelt-Exploratorium e.V., kurz UX, ist ein Verein gegründet von Studenten und Absolventen des Fachbereichs Produktgestaltung der HfG Offenbach. Ziel war von Anfang an technische wissenschaftliche Themen konzeptionell, inhaltlich und formal gut gestaltet auf unkonventionelle Weise aufzubereiten, dass sie uns und jeden anderen faszinieren. Erfahrungsgemäß beginnt dann der kognitive Prozess, es wird gedacht, reflektiert, verglichen, experimentiert und weiter entwickelt.

06b_UX_GRuppe7_GB_w

Degel: Diese Prozesse versuchen wir zu gestalten, dazu die Anleitung, die Objekte, Exponate, Räume, Workshops. Seit einigen Jahren engagieren sich im UX nicht nur Designer sondern auch Museumspädagogen, Physiker, Künstler, Architekten, die den Verein um Ihre speziellen Erfahrungen und Wissen bereichern.

Schiffke: Im Prinzip hat sich das aus einem Studienprojekt ergeben. Das "Exploratorium" ist in Kalifornien. Es ist eines der ersten Science Center. Ich besuchte das als Kind mal mit den Eltern und uns als Designern war es ein Begriff. Till hat es vor kurzem erneut live gesehen, das war also ein wichtigesVorbild. Wir wollten den Gedanken von Wissenschafts-Vermittlung mit Umwelt verbinden.

Degel: Das erste große Objekt waren die Solarexponate, die wir bei einem Frankfurter Museumsuferfest zeigten. Aus diesem Projekt, damals von Prof. Dieter Mankau betreut, hat sich der Verein Umwelt-Exploratorium gebildet und in der Naxos Union Arbeitsräume angemietet. Dort haben wir schließlich den erstenWorkshop mit Gruppen durchgeführt. Diese Arbeit mit Dieter hat uns vom Arbeiten im klassischen Produktdesign weggeführt.

Hergenhahn: Methodisch ist das eine Verschiebung des klassischen Produktdesignprozesses. Wir hinterfragen ein Thema zunächst konzeptionell und inhaltlich und schauen dann, ob da ein Produkt drinsteckt oder nicht.

Tischer: Das ist eine Arbeitsweise, die an der HfG so durchgängig vermittelt wurde: Muss es  überhaupt ein Produkt werden, oder kann man das evtl. vermeiden?

Klimaroute: Anfang der 90er Jahre, in der Boomzeit der Designerlabel und des Hightech-Kults, war das ziemlich weit vorausgedacht.

Hergenhahn: Ja, das waren damals im Design noch keineswegs die Zeichen der Zeit. Rolf und ich haben da begonnen so zu arbeiten, wir sind drei Semester auseinander gewesen. Bei Rolf hat es angefangen. Bei mir dann richtig eingeschlagen. Kurz danach hatte sich das an der HfG festgesetzt. Damals gab es auch ein Symposium auf einem Boot „mehr weniger“ war der Titel.

06b_UX_Gruppe3_GB_w

Degel: Eines der ersten Projekte waren drehbare Komposttrommeln für Küchenabfälle (1992/93) bei der Werbeagentur TRUST für ca. 100 Leute und eine Küche. Das hat dort damals Georg-Christof Bertsch angestoßen, der im Management saß. Wolfgang Wünnenberg, auch ein HfG-Absolvent, war für uns dort die entscheidende Schnittstelle. Beim IfG Ulm war ich 1992 unter dem Aspekt innerstädtische Kompostierung bereits dabei. Thema der Vortragsveranstaltung war 'Gemeinsam nutzen statt einzeln verbrauchen'. Für die FES haben wir dann kleine Komposttrommeln entwickelt, mit denen man in kürzester Zeit kompostieren erfahren konnte.

Tischer: Das Thema Bodenqualität begleitete uns auch weiterhin. Stichwort Terra Preta, also wie kann man CO2 aus der Atmosphäre binden und über Verkokung wieder in die Erde einbauen und dadurch nährstoffreichen Boden schaffen.

06b_Tischer3_GB_w

Uwe Tischer

Klimaroute: Die Hochschule für Gestaltung Offenbach stellt Ihren gemeinsamen Hintergrund dar. Wie würden Sie diese Hochschule in wenigen Worten beschreiben?  

Hergenhahn: In Offenbach lernt man ungewöhnliche Aufgabenstellungen mit konzeptionellen Denken zu beantworten. Man lernt dort Lösungsprozesse und Herangehensweisen, jedoch keine Rezepte oder vorfabrizierte Antworten auf Aufgabenstellungen.

Schiffke: Jedes Projekt oder Aufgabe hat eine Vision, neue Technologie oder Forschungsansatz zum Inhalt. Zeichnen, Fertigungstechnologie, Wahrnehmungspsychologie u.ä. sind die Grundlagen.

Klimaroute: Wie kamen Sie überhaupt zum Design?

06b_Hergenhahn4_GB_w

Till Hergenhahn

Hergenhahn: Ich wollte zunächst klassisches Industriedesign lernen und hatte eine recht klare Vorstellung davon. Dann wurde aber schnell klar, dass es sehr verschiedene Herangehensweisen gibt. Alle Professoren hatten ganz unterschiedliche Ansätze. Dann wurde ich nachhaltig von Prof. Dieter Mankaugeprägt und habe mir seinen Ansatz weitgehend zu eigen gemacht. Wir waren dann auch mal mit Prof. Fischer bei Rowenta. Es ging darum, durch Design einer neuen Kaffeemaschine Prozesse zu optimieren. Ziel war: Arbeitsprozesse vereinfachen, mit dem Ergebnis, dass einer der Arbeiter rausfliegt und dabei noch eine weitere Kaffeemaschine entsteht. Das hat mich wachgerüttelt. Das war ein Moment, in dem jeder dachte, nein das lassen wir! Keiner von uns hat eine Kaffeemaschine entworfen. Das Selbe lief ab bei einer Aufgabe für Ara Essens-Automaten. Wir dachten, durch dieses Styling, dadurch wird die Arbeitsbedingung für die Arbeiter nicht besser. Dann haben wir gefragt: Was ist in den Automaten eigentlich drinnen enthalten. Wenn die da schonhart schaffen müssen, muss wenigstens die Qualität der Speisen ausgezeichnet sein. Es geht also ums Essen und nicht um den Automaten. So sind wir nach und nach vom klassischen Industriedesign weggegangen.

Schiffke: Wir stellten bald fest, das klassische Industriedesign wollen wir nicht. Es war aber noch unklar, wo es hingehen soll.

Tischer: Dieter Mankau war daran interessiert, was die Welt eigentlich verändert. Er brachte uns mit gesellschaftlichen und sozialen Themen zusammen.

Hergenhahn: Dieses grundsätzliche Hinterfragen findet heute in der Ausbildung so nicht mehr statt.

Tischer: Dieter war auch sehr daran daran interessiert, welche Einflüsse neue Materialien und Techniken auf soziales Verhalten und Beziehungen ausüben.

Hergenhahn: Nur formale Gestaltung konnte es für uns also nicht mehr sein. Es geht früher los, bei den verwendeten Materialien und den Zielsetzungen eines Entwurfes.

06b_Degel2_GB_w

Rolf Degel

Degel: Ich kam über eine Lehre als technischer Zeichner bei Grundig zum Design. Dort habe ich noch ein halbes Jahr in der Konstruktion gearbeitet, da ging es bereits um Industrial Design – Receiver, Stereoanlagen. Man hatte mit Gestaltern zu tun und das hat mich interessiert. Es hat mich aber nicht bei Grundig gehalten. Ich wollte weiterkommen. Dann zweiter Bildungsweg, Berufsaufbauschule Gestaltung, dann Fachabitur an der Fachoberschule für Gestaltung. Anschließend war ich bei der Bundeswehr und kam über die Begabtenprüfung an die Hochschule für Gestaltung. Mankau war eindeutig am wichtigsten für mich. Über Siglinde Spanihel bin ich in die IfG Ulm rein gekommen. Auch Petra Kellner, die damals gerade an die HfG kam, war für mich wichtig.

06b_Schiffke4_GB_w

Schiffke: Ich habe als Kind einige Jahre in den USA gelebt, in Kalifornien. Das hat mich sehr geprägt, die Zeit dort, die Grundschule war extrem gut, da gab es eine Erfinderwerkstatt. Das ist bei mir immer hängengeblieben. In Deutschland habe ich in Baden-Württemberg Abi gemacht, dann 1 Jahr zurück in die USA. Dann Praktikum bei einem Grafiker in Münster. Das Grafische war mir aber zu wenig, also habe ich Produktgestaltung studiert. Ich hatte ein Mappenpraktikum bei Daimler, aber war zeitgleich bereits an der HfG Offenbach angenommen worden und entschied mich dann direkt fürs Studium.

Tischer: Ich wollte nach der Schule Produktgestaltung studieren. In Nordostbayern, wo ich herkomme, gab es einen gewissen Bezug zu Gestaltung. Da hatte ich ein paar Kontakte. Das hat mich dann bei der Marinezeit begleitet. Ich habe mich, zunächst erfolglos, an Hochschulen beworben. Dann bin ich nach Italien gegangen, dort habe ich Architekturpraktika bei Cini Boeri und Mario Bellini absolviert. Bei Bellini und Cini Boeri. Gefühlte 50 Architekten und 2 Designer waren bei Bellini aktiv. Der Bruder von Bellini hat wortkarg und für mich konzeptionslos hat immer völlig ohne Konzept Schaummodelle schneiden lassen. Wenn der Kunde murmelte, da vielleicht ein wenig runder, dann hat der das Schaummodell ein wenig runder gemacht. Ich habe nicht verstanden, wie man so planlos und konzeptlos arbeiten kann. Ich fand das damals ziemlich trivial. Von Italien aus habe ich mich weiter beworben und wurde an der Fachhochschule Schwäbisch Gmünd angenommen. Schwäbisch-Gmünd war stark von Ulm und ehemaliger Ulmer geprägt, die Grundlehre, der Einsatz von Farbe und das Grafikdesign. In Schwäbisch Gmünd her

rschte eine ungeheure Dogmatik, gab es nur drei Schriften- Farben waren nur für Anzeichenfunktionen zulässig. Daher wollte ich schnell nach Offenbach, das einen Ruf als Hochschule mit dem Ziel eigenständigen Denkens hatte. Ich habe mich im Grunde nach Offenbach beworben, um die Freiheit zu bekommen, nicht ausschließlich als Produktgestalter arbeiten zu müssen.

06b_Tischer2_GB_w

Klimaroute: Sie sind alle Industriedesigner geworden, haben sich jedoch der Wissensvermittlung verschrieben, welche Rolle spielt dabei Gestaltung?

Hergenhahn: Design ist für uns die Gestaltung von Kommunikation, d.h. wir gestalten den Prozess der Vermittlung, wie ein bestimmter Sachverhalt beim Adressaten ankommen soll. Wenn man Stromerzeugung durch regenerative Energien vermitteln möchte, muss man zunächst mal einen Ort aufsuchen oder ein Szenario herstellen, an dem sich eine autarke Stromversorgung aufdrängt. Das ist also der Berg, die Wüste, das Weltall oder die Tiefsee.

06b_Hergenhahn6_GB_w

Tischer: Weil wir natürlich nichts auf dem Mond vermitteln können müssen wir den Mond also auf die Erde holen und eine authentische Umgebung, Materialien, Kleidung, Sprache und Abfolge etc. versuchen zu entwickeln. Das klingt nach großem Budget, muss es aber nicht.

Hergenhahn: Wichtig ist eine Authentizität und Konsequenz in der Entwicklung um eine Umgebung, ein Umfeld oder Szenario zu akzeptieren und sich hineinzudenken. Dabei spielt die Materialauswahl, Farbe, ungewohnte Verhaltensweisen und Erzählstrang eine wesentliche Rolle. Dass die Inhalte stimmen müssen ist selbstverständlich, sie werden aber eher nebenbei, spielerisch vermittelt. Das hat sehr viel mit Design zu tun, das sind ähnliche Prozesse wie bei einer besonders sauberen putzendenZahnbürste oder einem professionellen Akkuschrauber, er muss nicht nur professionell schrauben, er muss auch so wirken und die entsprechenden Wesenszüge vermitteln.

06b_Hergenhahn5_GB_w

Modell eines windgetriebenen Personenfahrzeugs

Klimaroute: Sie haben auch in sozialen Brennpunkten gearbeitet. Wie kann man sich das vorstellen?

Schiffke: Wir haben viele Projekte mit dem Frankfurter Kinderbüro zusammen gemacht z.B. die Erfinderwerkstatt, die man auch bezeichnen kann als ...

Hergenhahn: ....Einstieg in die Vermittlung.

Schiffke: Die Erfinderwerkstatt hat das technisch experimentelle Bauen mit Kinder erprobt. Da haben wir mit einer Kita aus Griesheim Ahornstraße gearbeitet. Das war mit dieser Gruppe ausgesprochen spannend.

Degel: Es gab dort auch eine Ranch mitten in Griesheim, wo Schweine und Schafe und andere Tiere standen.Schiffke: Dieser soziale Brennpunkt war damals äußerst problematisch, es kam dort zu einem Todesfall. Dadurch wurde es wichtig, dort aktiv zu werden. Gabi Mankau vom Frankfurter Kinderbüro hat uns mit dem Thema vertraut gemacht.  

06b_Hergenhahn2_GB_w

Hergenhahn: Zum Landschaftsumbau gab es Wünsche der Jugendlichen. Es sollte nicht ein typischer Abenteuerspielplatz werden, sondern ein gesellschaftlicher Treffpunkt, für verschiedene Ethnien. Der Platz bekam eine große Bedeutung für alle Menschen, auch für die Erwachsenen, ebenso wie für die Kinder. Es war spannend zu sehen, wie der Ort von der ganzen Straße angenommen wurde.

Tischer: Man hat sich da gegenseitig geholfen, die einen die das soziale Engagement im Fokus hatten und wir mit dem Thema Wissensvermittlung.

Hergenhahn: Es war ein Riesenglück wie dieses Projekt lief, mit  Gabi Mankau, (Kinderbüro) und Volker Tollkühn, der Jugendliche rekrutierte, um die Gebäudeschäden in den Griff zu kriegen. Man muss sich das so vorstellen, dass es abgebrannte Treppenhäuser gab, runtergerissene Balkone. Die Firmen, die das instand setzen sollten, konnten gar nicht erst anfangen, denn deren Bauwagen sind binnen Tagen abgebrannt. Durch Volker Tollkühn und Frau Vogt, die dort die Kita leitete, ist etwas Tolles entstanden, es war ein wunderbares Team das wir dort gefunden haben.

06b_Degel5_GB_w

Tischer: Weiterhin hatten wir bereits Projekte mit behinderten Menschen im Hangar am Flugfeld. An diese Arbeit knüpfen wir jetzt weiter an mit den Aquanauten. Dieses Jahr wollen wir gemeinsam mit dem Frankfurter Verein mit psychisch behinderten Menschen ein paar Projekte starten. Der Frankfurter Verein ist der Betreiber des ehemaligen Campingplatz-Geländes, wo wir als Aquanauten, als Satellit des UX, aktiv werden. Die treten auch am Niederräder Ufer auf, wo wir als Aquanauten aktiv sind.

Hergenhahn: Das könnte eines der künftigen Standbeine der Aquanauten-Arbeit werden. Dadurch kommt auch unser Kontakt zum Frankfurter Verein für psychisch Kranke zustande. Die gründen ununterbrochen neue Unternehmen und Hotels, eine sehr aktive Institution etc.

Klimaroute: Mit der Klimaroute sind Sie durch eigene Entwürfe, aber auch durch die Anleitung von Studenten bei deren Entwurfsarbeit verbunden. Was erscheint Ihnen bei diesem Projekt ungewöhnlich? Wo sehen Sie die spezifischen Potentiale. 

Tischer: Alle haben sich dem Ort und den Gegebenheiten gestellt, und dabei den globalen und lokalen Bezug hergestellt. Dabei sind sehr individuelle sinnfällige lesbare Strukturen und Konstruktionen entstanden, die zunächst das Interesse des Betrachters provozieren und im zweiten Schritt näher in das Thema einführen. Alle Beteiligten haben sich dem komplexen Thema Klimawandel ernsthaft gestellt, niemand wollte vordergründig einen hübschen schönen Ort schaffen. Eine Klimaroute birgt das Potenzial eines Alleinstellungsmerkmals, das Werben für eine gewisse Fortschrittlichkeit der Gegend. Die EU gab nun den Anschub, nun müssten die Kommunen, der Raum, es für sich erkennen. Denn hier kann man zukünftige Herausforderungen der Stadtentwicklung, die ja in den Kommunen wie auch beim Regionalverband immer drängender thematisiert werden, visuell erfahren und verstehen.  

06b_Degel_GB_w

Klimaroute: Sie kennen die Entwicklung aller Klimaroute-Stationen von Anfang an. Es wurde bereits vieles in der Presse veröffentlicht. Was möchten Sie besonders hervorheben, was Ihnen bislang unterrepräsentiert erscheint. 

Hergenhahn: Die Stationen sind nun in der Entwicklungs-, viele in der Umsetzungsphase wie auch das Corporate Design der Route. Was passiert jedoch wenn die Stationen fertig sind und das Medieninteresse nachlässt? Es wird eine Website und einen Flyer und alle 2 Kilometer eine Station geben. Dasreicht nicht. Denn die Route muss lebendig sein, medial, aktiv, durchsetzt mit Aktivitäten und sich erneuern. Man muss Partner gewinnen, die sich mit ihren speziellen Kompetenzen einbringen.

06b_Hergenhahn_GB_w

Tischer: Die Klimaroute darf nicht zu einem reinen Zusatz der Kommunen werden, nach dem Motto "das haben wir hier auch noch". Die Städte müssen den vernetzenden Charakter als Zeichen nutzen: Die Herausforderungen des Klimawandel setzt vernetztes, gemeinsames Denken und den Blick über die kommunalen Grenzen hinaus, voraus. Man muss etwas tun, damit was passiert, auch für das Funktionieren der Klimaroute: Auch sie soll nachhaltig sein damit sich das Thema in den Köpfen festsetzt. Über das Engagement nach der Erstellung der Hardware hören wir eigentlich nichts.

Klimaroute: Können Sie Bespiele bringen, für das was Sie meinen?

Hergenhahn: Für verschiedene Zielgruppen könnte man verschiedene Angebote konzipieren: Es gibt die Wanderer, Fahrradfahrer, Schulklassen, Städtetouristen, Schiffstouren oder Freitzeitkapitäne, Eltern mit Kindern. Diese Gruppen kann man über unterschiedliche Kanäle ansprechen und spezielleAngebote entwickeln.

Tischer: Es könnte Scouts geben, die Gruppen mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln führen, ausleihbare mobile Module für Gruppen, als Fahrradanhänger oder für den Gepäckträger. Man könnte sich über Apps per Handy führen lassen, diese Apps schalten bei Erreichen der Station bestimmte Informationen frei. Eine ziemliche spannende Aneignung, ähnlich dem Geocaching oder einer zeitgemäßen Art von Schatzsuche. Man könnte die Stationen ergänzen mit kleinen selbst durchführbaren ganz analogen Erlebnissen, die mit einem Pass und Karte ablaufen/-fahren kann, bis hin zu augmented reality-Aktionen, die man natürlich wieder über Apps lösen könnte.

Hergenhahn: Daneben sollte es Medien wie Fahrpläne des RMV, der Primus-Linie Schiffstour (Partner), Kartenmaterialien und auch nicht nur digitales Material zur Vertiefung geben. Und man könnte weiterhin sich fragen, wie man ausgehend von den Stationen Beispiele oder Ergänzungen in den Gemeinden findet, Links und Kreuzungen/Stolpersteine und Mini-Exkursionen im Umfeld der Station. Klimaroute? Wieso haben Sie sich speziell diese Stationen ausgewählt? 

Hergenhahn: Es gibt im Verlauf der Route ganz unterschiedliche Orte, teilweise Unorte, Brachgelände und technische Relikte. Diese reizen uns am meisten.

Tischer: Das Niederräder Ufer reizt uns seit Jahren, es ist ein urbanes wie biologisches Biotop, wir sind dort auch als Aquanauten unterwegs. Es gibt hier einzigartige Strukturen, die man schützen aber teilweise auch ändern muss. Hier wollen wir uns gerne, auch als Anwohner und Nutzer, einmischen.

Hergenhahn: Wir sagen, dass es auch Terranauten geben müsste. Terranauten deshalb, weil wir ja seit 2004 als Aeronauten auf dem Flugfeld Bonames aktiv sind. Das Gebiet liegt im Grüngürtel von Frankfurt. der wiederum Teil des Regionalparks ist. Dieses Projekt ist auch deshalb so gut, weil der Ort so gut ist. Es ist eine Freizeit-, eine Konversions-, und eine Frei-Fläche mit einer Geschichte als ehemaliger Hubschrauberlandeplatz der Air-Force. Es ist ein „Beflügelnder Ort“. Das Aufbrechen des versiegelten Bodens ist ein wunderbares Symbol

06b_UX_Gruppe4_GB_w

Tischer: Für UX ist das Flugfeld der erste feste Ort, also die erste Manifestation als öffentlicher Ort. Es es gab zuvor keinen Ort, wo wir Öffentlichkeitsarbeit bzw. Arbeit in der Öffentlichkeit gemacht haben. Zuvor waren wir immer Gast und Entwickler für andere. Hier traten wir erstmal als wir selbst, als UX auf.

Hergenhahn: Aquanauten ist ein Wunsch, der vergleichsweise zügig zum Fakt wurde. Das ist ein ähnlicher Ort; auch das ist ein Konversionsgelände. Er unterscheidet sich vom Flugfeld, weil er mitten in der Stadt liegt und Themen von Umwelt und Öffentlichkeit verbindet. Er wird zur öffentlichen Fläche. Da gibt es Passanten, da halten sich Leute zur Entspannung auf. Die Insel und dieses Projekt gehen auf ganz natürliche Art und Weise zusammen. In Mühlheim vereinigt sich die Idylle mit Brachgelände, technischem Relikt und jahrhundertealter Geschichte.

Klimaroute: Nennen Sie Beispiele für Integratives und Interaktives.

06b_Schiffke3_GB_w

Schiffke: Wir haben für den Heinrich-Kraft Park einen integrativen Spielplatz geschaffen und in Workshops mit behinderten Kindern gearbeitet, um Grundlagenarbeit zu leisten. Man musste sich erstmal erarbeiten, was an solchen Spielplätzen besonders sein muss. Aus diesem Projekt hat sich für mich und meinen Mann ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt im Bereich Kinderspielplätze und Spielgeräte entwickelt. Es entstanden Themenspielplätze, z.B. Bochum Westfälisches Industriemuseum, ein Bergbauspielplatz. Dabei geht es um die Erfahrbarmachung des Bergwerks. Für dieses Gelände sollte ein Spielplatz entworfen werden. Es ist wichtig, komplexe Themen erfahrbar zu machen. Man kann sogar vielfältige industrielle Arbeitsabläufe für Kinder erfahrbar machen, das geht aber prinzipiell nur, wenn Sie Interaktion systematisch ermöglichen. Das Projekt in dessen Rahmen das stattfindet heißt „Zeche Knirps. (Identifikation mit Geschichte und Familie)

Klimaroute: Wenn Sie sich in der Welt umschauen, wo sehen Sie Vorbildliches, Projekte die wir uns genauer anschauen sollten? 

Schiffke: IBA Emscher Park, Ruhrtriennale (Konversion)

Hergenhahn: Bregenzer Wald (Vorbild für Identität, Verbindung Natur – Design – Architektur – Gesellschaft)

Tischer: saar/lux/lor (Versuch Vernetzung)

Klimaroute: In wenigen Worten. Was fällt Ihnen spontan zum Main ein? 

Tischer: Überregulierte Autobahn, ein Bauwerk bestehend aus 34 Wasserbassins, dennoch eine Oase für Freizeit, Erholung, Ruhe und Entspannung. Der Wunsch den Main als Badeort wieder zu erschließen wird viel zu stark von übermächtigen Wasser- und Schifffahrtsämtern  blockiert.

Klimaroute: Frankfurt und in der Folge andere Städte haben sich dem Main geöffnet. Womit hängt das in Ihren Augen vor allem zusammen?

Hergenhahn: Einerseits hat es mit dem sauberen Wasser zu tun. Wesentlich ist jedoch, dass die Regionen versuchen, die Bevölkerung zu binden, Identifikation zu schaffen mit den Ressourcen und Wesenszügen, die der Raum bietet (Bsp. Leipzig/Lausitz/Konversion). Das hat auch mit einer gesundenKonkurrenz der Regionen zu tun, dass man versucht die Lebenskultur zu verbessern, gerade dann, wenn das Umland nicht so viel zu bieten hat. Dass das Element Wasser kühlt und auf jeden eine Faszination ausübt, kommt hinzu.

Klimaroute: Wenn Sie freie Hand und die ausreichenden investitiven Mittel hätten, welches Projekt am Main würden Sie als erstes anpacken?

Hergenhahn und Tischer: Wir würden einen kreuzenden Wasserbus / ein Tronquetto einrichten mit der Linie Kelsterbach-Frankfurt-Fechenheim-Offenbach-Bürgel-Rumpenheim-Mühlheim. Es wäre ein Verkehrsmittel, das zudem noch die Stationen verbindet. Klimaroute: Jeder hat seine Flussgeschichte. Woran denken Sie, wenn Sie an Ihre Kindheit und Jugend denken bezüglich Flüssen?

06b_DEgel4_GB_w


Degel: Früher konnte man den Main bei Allessa Chemie (oder ehemals Farbwerke Höchst AG) in changierenden Farben "bewundern". Eine Bekannte fiel bei einem Sportbootsausflug in den Main und musste darauf hin in die Klinik: Diagnose Typhus.

nach oben

 

Interview mit Dr. Lothar Voigt, Wanderführer

Klimaroute sprach mit dem Wanderführer Dr. Lothar Voigt über sensible Naturwahrnehmung, bürgerliche Spaziergangswissenschaften, die IBA-Emscherpark, Zivilisationskrankheiten und Ruhe.

Klimaroute: Sie wollen die Leute nach draußen holen. Warum?

Voigt: Na weil es draußen einfach wunderbar ist. Wobei ich darunter in erster Linie das grüne Draußen meine. Das ist mit frischer Luft und verbesserter Sauerstoffzufuhr verbunden, also irgendwie gesund ist. Das weiß mittlerweile jeder.

06_Voigt3_BS_w

Klimaroute: Wieso ist das für uns so wichtig?

Voigt: Menschen der Ersten Welt verrichten ihre Arbeit mit einigen Ausnahmen in geschlossenen Räumen, danach steigen sie in ein Auto und fahren nach Hause oder zuvor eventuell in ein Fitnessstudio. Im grünen Draußen aber da lebt es. Da erlebt man die Natur im Werden und Vergehen. Im Erleben der Jahreszeiten erkennt man sich selber wieder als Bestandteil der Natur. Die eigene Vergänglichkeit rückt vor die Augen. Das kann natürlich auf manche beleidigend wirken, herausgerissen aus der konstruierten, vielleicht sogar virtuellen Welt des menschlichen Geistes, der den Anspruch erhebt, unsterblich zu sein. Schon das Erlebnis eines vergehenden Tages mit dem Sonnenuntergang, das ist wahrlich erhebend. Um hier ein argumentatives Großkaliber einzuführen, Goethe, sei erinnert an sein berühmtes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh“. Darin stellt er dar, wie sich mit abnehmendem Licht von den Gipfeln herab über die Wipfel die Ruhe auf den Menschen nieder senkt. Das klingt doch nun wirklich wie eineverlockende Utopie in unserer allzu hektischen Welt, in der die Menschen mit Stress und Zeitkontrolle gebeutelt sind. Und das lässt sich schon längst nicht mehr auf die reine Arbeitszeit begrenzen.

Klimaroute: Herr Dr. Voigt, wie vermittelt man Landschaft?

Voigt: Landschaft liegt nicht einfach selbsterklärlich vor einem Betrachter. Ersieht vielmehr einen hellblauen, leicht bewölkten Himmel, dessen Farbe sich im darunter liegenden Wasser fortsetzt. Darauf ein Boot und ein Schiff. Und am Ufer befinden sich Bäume, aus denen ein helles Gebäude hervorsticht. Daraus komponiert er ein umfassendes Bild. Ich stehe nun mit meinen Leuten vor dieser Ansicht, wir bilden als Betrachter deren Mitte. Ich verweise auf die einzelnen Elemente darin, auch noch auf die Schwäne, und so erschaffen wir uns unsere Landschaft im Kopf und draußen. Ein Kunstkenner ergänzt in seinem vielleicht noch die Gänse und ein sitzendes junges Mädchen im roten Rock, das Federvieh füttert. Und er erinnert sich an ein Gemälde von Hans Thoma, das „Gerbermühle“ heißt.  Es strahlt eine bezwingende Friedfertigkeit aus. Oder ich verweise selber darauf, auf das Mädchen, dessen rotfarbiger Rock von rechts unten her einen Warmton in das gesamte Bild hineinstrahlt. Hier lasse ich nun eine Landschaft im Gefühl entstehen. Und selbst wenn viele das Bild von Thoma nicht kennen, verwandelt sich die Ansicht in ein Idyll. Nicht etwa weil ich ein gewiefter Manipulator wäre, nein, denn ein jeder von uns hat solche und ähnlich gelagerten visuellen Konstellationen inklusive deren Gefühlswerte in Kopf und Bauch. Meine Aufgabe ist es nur, diese Dinge jeweils aktuell zu mobilisieren. Das ist übrigens auch vorteilhaft für Erkenntnisprozesse. Das Mädchen in dem Bild von 1890 sitzt nämlich an einer Ausbuchtung des Mains, die rund zwanzig Jahre später im Zuge der Mainkanalisierung verschwand. Es gibt weitere Formen der Vermittlung, entscheidend ist aber immer, dass die Menschen, denen ich was vermitteln will, im Zentrum stehen.

06_Voigt2_BS_w

Klimaroute: Der Wetterpark hat Maßstäbe für die Vermittlung von Wissenschaft im öffentlichen Raum gesetzt. Was ist aus Ihrer Sicht so besonders daran? Kennen Sie vergleichbare Projekte?

Voigt: Ich muss gestehen, dass ich als vergleichbare Projekte nur Indoor-Versionen kenne, wie das „Deutsche Museum“ in München, oder das „Technoseum“ genannte Technikmuseum in Mannheim, wirklich tolle Präsentationen. Eine Outdoor-Variante stellt die große Anzahl von Planetenwanderwegen dar, einer davon beginnt am Okrifteler Mainufer. Die haben sich die Vermittlung von astronomischen Wissen zum Ziel gesetzt. Eine schlichte Version der Outdoor-Variante bilden die Waldlehrpfade, die eventuell gar die Pioniereinrichtungen bei der Vermittlung von Wissenschaft im Freien sind. Das ist naheliegend, denn es geht um Forstwissenschaftliches, Botanisches, Geologisches, Ornithologisches und und und. Diese Pfade bedürfen jedoch einer ständigen Pflege und Aktualisierung, denn um sie herum verändert sich Vieles schnell. Es wächst und gedeiht, und es verfällt und fault, wird mal feuchter, mal trockener. Da veralten Texte ganz flott und zudem zerfallen deren Tafeln oder werden von Vandalen abgerissen. Deswegen lade ich Sie mal zu einer von mir geführten Wanderung entlang des Weilruh-Lehrpfads im Frankfurter Stadtwald ein. Da sind Sie völlig unabhängig von den Tafeln.
Auch den Offenbacher Wetterpark habe ich besucht und finde es ungeheuer spannend, wie dort ein Wettergeschehen in seinen Einzelheiten demonstriert, wie Stürme entstehen, wie die zerstörerische Kraft eines Blitzes dargestellt wird, wie die Verbindung von Luftdruck mit Temperatur, dem Gewicht der Luft und Luftdruck zusammenwirkt. Das ist ein hochkomplexes Thema, und zum Lesen der Texttafeln muss man die Augen dressieren, um den linearen Schriftzeilen zu folgen. Und dabei gibt es drumherum interessante Objekte zum Begucken, die lenken alle ab. Eine klingende Stimme vermag dagegen zu halten. Eine persönliche Führung mit einem Sachkundigen viel effektiver, aufregender.

Klimaroute: Brauchen die Menschen einen Führer, um die Landschaft zu sehen? Eigentlich reicht es doch, die Augen zu öffnen?

Voigt: Sie haben mit dieser Frage selbstverständlich völlig recht. Natürlich können Menschen Landschaft sehen. Nur was sie da sehen, ist höchst unterschiedlich. Es ist ja nicht so, dass man die Augen öffnet, und dann macht es einfach Klick. Hinter den Augen liegt auch noch das Hirn, das den Blick zuvor fokussiert, all die Wahrnehmungen filtert und organisiert. Ich biete z.B. Wanderungen  an der Nidda an, so entlang des Berkersheimer Bogens. Das ist ein Blick, der mich schon seit jeher fasziniert. Das ist wie eine Rückkehr in die jugendliche Welt der Märklin-Eisenbahn. Unten der Fluss, dann die begleitenden Bäume und darauf die Wiesen, dann terrassenartig höher die Eisenbahn und über all dem die Kirche mit ihrem Haubenturm. Dieses Bild stelle ich erzählerisch wieder her. Dass sich die Nidda hier um 90 Grad wendet, das sieht jeder. Links erhebt sich ein Berg, ein Basaltausläufer aus dem vulkanischen Vogelsberg, daran prallt sie auf und wendet sich nach rechts. In der Innenkurve, rechts vom Fluss, liegt eine schlammüberflutete Fläche. Sie wird von der Nidda bei Hochwasser gefüllt. Es handelt sich um einen „Retentionsraum“, der vom Frankfurter Amt für Stadtentwässerung in den neunziger Jahren geschaffen wurde. Das ist eine „Auenlandschaft“ mit den für sie typischen Bäumen, Weiden, Erlen und so. Auwälder zählen zu den artenreichsten und vitalsten Lebensräumen Europas und stehen mittlerweile unter strengem Schutz. So lenke ich die Blicke von einer Gesamtansicht zu einzelnen Elementen darin, fülle die mit Informationen an, und zurück geht die Wahrnehmung auf eine veränderte Gesamtansicht. Das sind Blickführungen, die ein Erlebnis offenbaren sollen. Ich habe den Anspruch an mich, eine überzeugende Darstellung zu geben, wobei meiner Stimme große Bedeutung zukommt.

06_Voigt1_BS_w

Klimaroute: Was ist für Sie das Typische der Landschaft hier im Frankfurter Raum?

Voigt: Kleine Korrektur: Hier gibt es Landschaften, Plural. Der Taunus ist geologisch nachvollziehbar ganz anders beschaffen als die relativ flache Ebene im Süden der Stadt bis an den Odenwald heran, dann die Wetterau, die ihren Namen nach einer Aue erhalten hat, mit der an einigen Stellen renaturierten Nidda zwischendurch, dann der Rheingau, das gesamte obere Mittelrheintal, das seit 2002 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört, und natürlich auch der Main, der seine Landschaften erschafft, wie die bei Hofheim über die Weinberge herab, den Fluss kreuzend und mit den Opelwerken südlich im Hintergrund. In der Region hier ist das von Menschen Gemachte überhaupt dicht konzentriert, und das wiederum ist das Typische. Es ist eine „urbane Landschaft“.

Klimaroute: Was verbirgt sich hinter den Begriff Gesundheits-Wanderführer und Erlebnis-Radtouren?

Voigt: Wandern allein ist schon gesund. Mit der Fähigkeit, aufrecht zu gehen, ist der Mensch erst geworden. Damit hat er sich eine biologisch-genetische Ausstattung erworben, die bei den weitgehend bewegungslosen Tätigkeiten in Büros und sonstigen geschlossenen Räumen heutzutage ignoriert wird. Die Beziehung zu seinem Körper ist gestört mit der Konsequenz, dass im Herz-Kreislauf System gesundheitliche Probleme auftreten oder im Stoffwechselbereich. Mit zusätzlichen Kräftigungsübungen, Dehn-, Mobilisierungs- oder Koordinationsübungen beim Wandern wird dem entgegengebeugt. Gesundheitswandern ist dezidiert kein Leistungssport, sondern eine sanfte Art, im gegebenen Körper zu leben, und das heißt: Freundlich mit sich selber umzugehen. Orientiert ist es am Konzept der „Salutogenese“ von Antonowsky.

Hinter der Bezeichnung „Erlebnis-Radtouren“ verbirgt sich nichts anderes, als ich es für meine Wandertouren auch schon beschrieben habe. Dabei sind nur Strecken zu bewältigen, die für das Wandern zu lang sind. Auch dabei gibt es Stopps, bei denen ich Landschaften, Blickperspektiven, geologische und botanische Besonderheiten oder Sonstiges in die Aufmerksamkeit rücke.
Klimaroute: Welche in der Landschaft angelegten Routen á la IBA Emscherpark erscheinen Ihnen besonders gelungen und warum?

Voigt: Die IBA Emscherpark ist ein Leuchtturmprojekt. Ich habe es seit seinem Beginn verfolgt und bin mehrere Male dort gewesen. Offiziell ist das Projekt zwar beendet, doch geht es weiter. So ist die angepeilte Renaturierung der Emscher eine hydrologisch komplexe Angelegenheit, die ihre Zeit braucht. Aber Geduld, das alles ist äußerst spannend. Spannend ist ebenfalls die IBA „Fürst-Pückler-Land“. Doch all meine Interessen kann ich leider nicht immer mit meiner verfügbaren Zeit abdecken. Deswegen war ich noch nicht dort, obwohl mich allein schon der Pückler-Park gewaltig interessiert. Genauso verhält es sich mit der IBA Sachsen-Anhalt. Im Rhein-Main-Gebiet ist eine IBA durch die Landesregierung verhindert worden. Das ist verdammt schade, um es mal  sehr dezent zu formulieren. Der „Architektursommer“ in diesem Jahr wird kaum eine Alternative sein. All die Ansprüche der IBA, in den städtebaulichen, sozialen, kulturellen und ökologischen, aber auch den historisch-traditionellen Bereichen zu vermitteln, wird er nicht gerecht werden können. Dabei wären mit der „Route der Industriekultur“, dem „Garten-Rhein-Main“ oder auch dem Regionalpark Frankfurt/Rhein-Main schon hervorragende Voraussetzungen gegeben.

06_Voigt4_BS_w

Klimaroute: Der Begriff Spaziergangswissenschaften geistert durch die Gegend. Was verbirgt sich eigentlich dahinter?

Voigt: Sehr viel habe ich durch die „Spaziergangswissenschaften“ gelernt, besser durch die Literatur ihres Begründers, Lucius Burckhard, einem Spross aus altem deutschem Bildungsadel. Ich habe bei ihm verstanden, wie Menschen eine Wahrnehmung von Landschaft mittels Bilder im Kopf längst vorstrukturiert haben, habe begriffen, wo die Anfänge von Landschaft zu sehen sind, nämlich in der klassischen Dichtung. Bereits die Bewohner der hellenistischen Stadtstaaten verklärten ihr Arkadien. Dort sollte das Leben noch frei sein, unbelastet von mühsamer Arbeit und gesellschaftlichem Anpassungsdruck. In einer verklärt idyllischen Natur sollten die Menschen glücklich sein. Es war ein sentimentaler Blick zurück, der das verloren Geglaubte übersteigert, ja so in Richtung Himmel erhebt. Ich habe den Eindruck, dass es sich bei der Spaziergangswissenschaft ähnlich verhält, ein sentimentaler Blick zurück auf ein Bildungsbürgertum, das nur noch in Restbeständen existiert. Ja noch mehr, ein sentimentaler Blick zurück auf die Familie, die sich in Form von (Sonntags-) Spaziergängen als ein (vermeintlich) heiler Lebenszusammenhang präsentierte. Das gilt, auch wenn heute zwischendurch „Coffee to go“ gereicht wird. Aber irgendwie sind wir doch fast alle von derartigen Sehnsüchten und Verklärungen nicht frei, zumal in einer Zeit, in der sich die Dinge rasend schnell ändern. Und, das muss ich auch noch sagen, man kann mit diesen „Promenadologen“  wunderbare Spaziergänge machen. Schon fast legendär ist der „Grüngürtel-Spaziergang“ zum Frankfurter Kongress „Gut zu Fuß“ in 2008, an dem ich leider nicht teilnehmen konnte. An den dabei wechselnden suburbanen Landschaften kann man den Umgang der Stadtbürger mit Natur hervorragend darlegen.

Klimaroute: Jeder hat seine Flussgeschichte. An was denken Sie, wenn Sie an Ihre Kindheit und Jugend zurückdenken bezüglich Flüssen?

Voigt: Meine Kindheit habe ich in Nordhessen, in der „Waldeckischen Schweiz“ verbracht. Nahe dem Haus, in dem wir wohnten, ging es hinter der Dorfschule bergab in ein Tal hinein, durch das ein kleine Flüsschen, die Ölfe, fließt. Zumindest damals an den Ufern schön mit Weiden und Erlen bestanden, stiefelte ich darin rum und versuchte Dämme zu errichten. Mein großer Bruder konnte in ihm sogar Forellen fangen. Mit der bloßen Hand! Ich schaute und lauschte dem Glucksen und Rauschen des Wassers in der sonstigen Stille mit Vogelgezwitscher. „Elfe“, mundartlich verfremdet, so lautet wohl der Name dieses Gewässers. Sie ist eine gute Fee, begleitete mich sonntags über ihre Brücke zum harmonischen Familienspaziergang in den Wald „Lange Helle“ hinein, transportierte mich in den Sommermonaten flussabwärts zur Einmündung in den Fluss Nuhne, wo wir baden konnten. Ich schwamm entspannt auf dem Rücken und schaute in den herrlich blauen Himmel hinein. Weiter abwärts mündet dann auch die Nuhne, in die Eder. An einem Ederhang habe ich das Licht der Welt erblickt. Und immer wenn ich zu meinen Eltern fahre, geht es den Fluss entlang durch das grüne Edertal, bis ich die Bücke am Edersee kreuze. Und da gäbe es weitere Geschichten, gar über Kassel bis Bremen hoch.

nach oben

 

Interview mit Prof. Petra Kellner, HfG Offenbach

Klimaroute sprach mit Prof. Petra Kellner von der Hochschule für Gestaltung in Offenbach über Designteams, Wissenschaftsvermittlung und den Klang von Eis.

Klimaroute: Design und Wissenschaftsvermittlung. Passt das überhaupt zusammen?

Kellner: Das passt sehr gut zusammen. Die Disziplin ist nah dran an Fragen des Gebrauchs und der Qualität von Interaktion. Gerade in solchen unmittelbaren Zusammenhängen lässt sich Wissen sehr anschaulich vermitteln. Gestaltung ist ein nonverbaler kommunikativer Prozess. Durch Gestaltung können Zusammenhänge sichtbar gemacht, Verhalten beeinflusst werden und Gemeinsamkeit hergestellt werden.


03c_PetraKellner2_GB_w

Klimaroute: Sie gehören zu der nach wie vor kleinen Gruppen weiblicher Professorinnen im Industriedesign. Gibt es eine "weibliche Art des Designs"?

Kellner: Die Frage stellt sich für mich in dieser Form gar nicht, denn sie führt eher zu klischeebelasteten konventionellen und an Produktbereichen orientierten Zuordnungen. Der Soziologe Lucius Burkhardt hat in dem Buch „Design ist unsichtbar“ seine Kritik am traditionellen Design bereits Ende der 1970er Jahre zugespitzt so formuliert, „dass der Entwerfer dafür sorgt, dass mit neuen Mitteln alles beim Alten bleibt, wenn er die Welt einteilt nach Objekten statt nach Problemen.“ Von ihm stammt auch der bemerkenswerte Satz: Die sauberen Lösungen verschmutzen die Umwelt. Der entscheidende Unterschied liegt nicht darin, ob Mann oder Frau, sondern in der Haltung, mit der Entwurfsaufgaben angegangen werden. Für mich wichtig ist im Designprozess eine sensible und empathische Problemwahrnehmung, die Fähigkeit zur Formulierung breit angelegter alternativer Entwurfsstrategien als Diskussionsgrundlage und eine ausgeprägte Teamfähigkeit.

Klimaroute: Sie kennen die Entwicklung aller Klimaroute-Stationen von Anfang an. Es wurde bereits vieles in der Presse veröffentlicht. Was möchten Sie besonders hervorheben, was Ihnen bislang unterrepräsentiert erscheint?

Kellner: Ich finde einiges bei diesem Projekt sehr bemerkenswert, weil nicht unbedingt üblich. Das ist zum einen die hervorragende Vorarbeit der Arbeitsgruppe Klimawandel, die interdisziplinär und kommunenübergreifend den inhaltlichen Input für das Hochschulprojekt zusammengestellt hat, ohne gestalterische Vorgaben oder Einschränkungen zu formulieren. So konnten in Dimension und Charakter ganz unterschiedliche Stationen entstehen. Von leisen und fast beiläufigen Eingriffen wie am Niederräder Ufer oder dem Offenbacher Mainuferpark zu prägnanten Zeichen wie dem Vogelhotel auf dem Strommast oder dem geplanten Windobjekt am Hafenpark.

Noch nicht deutlich genug formuliert finde ich die Möglichkeiten der Klimaroute als attraktiven außerschulischen Lernort. Das grüne Klassenzimmer, bislang immer nur im Zusammenhang mit Mühlheim und dem Nachenhafen als Wasserbiotop kommuniziert, hat eigentlich noch Partnerstationen entlang der Klimaroute. Denn auch der großräumige Atmosphäresteg in Offenbach-Bürgel bietet, ebenso wie das Renaturierungsprojekt am Kelsterbacher Ufer mit seinem Aktionsbereich an der Kelstermündung vielfältigen Experimentiermöglichkeiten und attraktiven Aufenthaltsraum für Schulklassen und Gruppen.

Auch die Zentralstation der Klimaroute in Offenbach bietet mit einem relativ großen Ponton einen informativen und kommunikativen Treffpunkt, der sich je nach Veranstaltung auch auf das Festland ausdehnen lässt. Aber nicht nur das: an dem Ponton könnte beispielsweise auch ein Klimarouten-Boot anlegen und von dort auf dem Wasserweg verschiedenen Aktionsorte anfahren und programmatisch miteinander verbinden. Wir selbst haben unser Projekt mit einer Bootsfahrt zu den einzelnen Stationen der Klimaroute gestartet. Besser kann man einen Bezug zum Fluss nicht herstellen.

Klimaroute: Sie stehen hinter der Zusammenstellung des Designteams der Klimaroute? Wieso haben Sie speziell diese Designerinnen und Designer ausgewählt?


03c_PetraKellner3_GB_w

Kellner: Unser Team setzt sich zusammen aus Studierenden und Alumni des Fachbereichs Produktgestaltung der HfG Offenbach. Mit allen habe ich schon zusammengearbeitet, mit einigen auch in Projektzusammenhängen im öffentlichen Raum. Denn die Aufgabe, während nur eines Semesters konzeptionelle Ansätze für alle neun ausgewählten Stationen der Klimaroute zu entwickeln und dabei sowohl den entstehenden Rhythmus des Gesamtzusammenhangs als auch das jeweils spezifische Potential der Orte im Blick zu behalten, war eine große Herausforderung. Die konnte und wollte ich, zusammen mit Prof. Georg-Christof Bertsch, nur mit einem kompetenten und sich gut ergänzenden Team angehen

Ein weiterer Gedanke war, dass durch die Alumni ein fließender Übergang des relativ vorgabenfreien und offenen Hochschulprojekts zum anschließend interdisziplinär geprägten, pro-fessionellen Umsetzungsprozess gewährleistet ist. Die beteiligten Studierenden können in diesem komplexen Kontext als wertvolle Erfahrung die interdiziplinäre Weiterentwicklung der Konzepte und die eigentliche Entwicklungsarbeit verfolgen und so einen Einblick in Hürden und Heraus-forderungen der Realisierungsphase bekommen. Wir haben mit diesem Projekt im Hochschulzusammenhang eine interessante neue Form der vernetzten Zusammenarbeit ent-wickelt, die sich, zumindest bei diesem Projekt, sehr bewährt hat.


03c_PetraKellner1_GB_w

Klimaroute: Sie sind seit Jahren in Brasilien aktiv, wo sich er Klimawandel viel deutlicher und dramatischer auswirkt als bei uns, z.B. mit den tödlichen Unwettern dieses Winters oder der Trockenheit in Amazonien. Wie ist es um das Umweltbewusstsein der Brasilianer bestellt?

Kellner: Obwohl bei unseren Projekt- und Hochschulpartnern ein großes Interesse am Thema Nachhaltigkeit und ökologischer Wandel vorhanden ist, bin ich doch insgesamt eher skeptisch, was die politischen Rahmenbedingungen und die gesellschaftliche Akzeptanz hierfür betrifft. Brasilien als fünftgrößtes Land der Welt ist mit 195 Millionen Einwohnern ein nur in den Metropolen dicht besiedeltes Land. Der Amazonaswald bedeckt ca.40% der Landfläche, die landwirtschaftliche Nutzfläche ist eine der größten der Welt. Die klimatischen Bedingungen erlauben mehrere Ernten im Jahr und es scheint vielen Brasilianern bis heute schwer zu fallen, sich von dem seit der Kolonialisierung bestehenden Mythos einer prächtigen und unerschöpflichen Natur mit vielfältigen Ressourcen, deren Nutzung Wachstum, Modernisierung und Wohlstand versprechen, zu verabschieden.

1992 fand in Rio der UN-Umweltgipfel statt. Ein Meilenstein für die Bildung globaler Umweltinitiativen und wichtiger Impuls für die Problemwahrnehmung in Brasilien. Ein Drittel des Anstiegs von Kohlendioxid in der Atmosphäre ist allein auf die Entwaldung Amazoniens zurückzuführen. Durch internationalen Druck drangen zwar auch ökologische Fragen in die staatliche Agenda ein; Modernisierung und Umweltschutz sind aber nach wie vor eher getrennte Kategorien.

03c_PetraKellner4_GB_w

Bis heute werden im Rahmen des Wachstumsbeschleunigungsprogramms ökologisch höchst umstrittene milliardenschwere Infrastrukturprojekte wie Staudämme im Amazonas und Flussum-leitungen im trockenen Nordosten vorgesehen, die Abholzung Amazoniens, von der auch multinationale Konzerne in Form großer Weideflächen profitieren, ist im Grunde genommen nach wie vor ohne große Einschränkungen erlaubt. Die Herstellung von Ethanol als Benzinersatz wird gern als ökologischer Beitrag propagiert und ist im großen Stil für den Export vorgesehen, fördert aber auch die Regenwaldzerstörung und senkt die Lebensmittelproduktion. Mit dem Wachstum der Weltbevölkerung und dem zunehmenden Wohlstand in Fernost wird Brasilien als Zulieferer für die globale Industrie und als Ernährer der Welt immer bedeutsamer. Brasiliens Wirtschaft wächst rasant. Dass Brasilien zum Ausrichter sowohl der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 wie auch der Olympischen Spiele 2016 berufen wurde, war sicher auch eine Anerkennung seiner zunehmenden internationalen Bedeutung. Bei der Diskussion über den Klimawandel wird entscheidend sein, auf welche Seite Brasilien sich letztlich schlagen wird.

Klimaroute: Ihre IPPO, Internationale Projektplattform Offenbach, hat sich zu einer kleinen aber feinen Arbeitsbühne für herausragende internationale Designer gemausert. Erzählen Sie uns mehr davon.

Kellner: IPPO wurde von Prof. Georg-Christof Bertsch und mir im Juli 2007 als private Initiative im Zusammenhang mit unserem ersten Hochschul-Symposium zum Thema „Reflecting Waters“ – über Wasser nachdenken, gegründet. Wichtigster Baustein dieses international vernetzten Projekts ist die Internetplattform. Inhaltlich beschränken wir uns auf drei zentrale Themen: Shelter, Nachhaltige Mobilität sowie Wasser und Design. Wir setzen auf eine langfristig angelegte und vertrauensvolle Zusammenarbeit von Hochschullehrern, Absolventen und Studierenden. Die ersten Partnerhochschulen sind aufgrund guter persönlicher Kontakte in Rio, Istanbul und Jerusalem. Wir arbeiten aber auch enger mit Prof. Hans Höger, der an der Freien Universität Bozen lehrt, der Designerin Angela Carvalho in Rio oder Sanjeev Shankar in Indien sowie einigen Kolleginnen und Kollegen an deutschen Hochschulen und Instituten zusammen. Über die Website kann zum einen jederzeit Einblick in bereits hinterlegte Projekte und Beiträge genommen werden – alle Dokumente sind zum Download bereit. Der andere Zugang erfolgt über die Personen, die in alphabetischer Reihenfolge und hierarchielos zugänglich sind. Teilnehmen kann nur, wer über eine Zusammenarbeit mit IPPO - als Experte, Projektteilnehmer oder Hochschulpartner - mit uns verbunden ist. Denn das Netzwerk soll überschaubar bleiben. Und es ist auf diese Weise in den letzten drei Jahren immer attraktiver geworden.

Klimaroute: Jeder hat seine Flussgeschichte. Woran denken Sie, wenn Sie an Ihre Kindheit und Jugend denken bezüglich Flüssen?

Kellner: Lebendige, freilaufende Bäche haben mich eigentlich als Kind mehr beeindruckt als große träge Flüsse. Vielleicht, weil da das Wasser unmittelbar zugänglich war und man sich dort auch ohne Erwachsenenkontrolle stundenlang aufhalten konnte. Meine schönste Erinnerung ist ein Geräusch: das leise klingeln vereister Zweige, die durch den Bach bewegt werden.

Klimaroute: In wenigen Worten. Was fällt Ihnen zum Main ein, den Sie täglich von Ihrem Studio in der Hochschule sehen?

Kellner: Ich sehe ihn nicht nur täglich von hier oben, sondern laufe auch sehr oft und zu jeder Jahreszeit vom Mainuferparkplatz entlang des Mains oder auf dem Deich bis zur Hochschule. Schöne 5 Minuten. Beim Ausnahmezustand Hochwasser ändert sich die Situation schlagartig. Der Parkplatz wird zum See, auf dem in großer Gelassenheit die Schwäne ihre Runden ziehen. Wo bleiben die ganzen Autos? Es scheint doch auch so zu gehen...

nach oben

 

Interview mit Dr. Wilma Mohr (61), Verwaltungsexpertin in Hetauda, Kathmandu

Klimaroute sprach mit Dr. Wilma Mohr, Verwaltungsexpertin in Hetauda, Kathmandu über Klimawandel im Himalaya, Umweltbewusstsein auf dem Dach der Welt sowie Spiritualität und Wasser.

06d_WilmaMohr2

Klimaroute: Frau Dr. Mohr, Sie sind seit 2009 für den Deutschen Entwicklungsdienst (DED) im Himalaya tätig. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Dr. Mohr: Ich habe in Darmstadt die Sozialverwaltung geleitet, mit Asylthemen und allem was an sozialer Problematik da ist, fast 20 Jahre. Ich konnte einiges an Innovationen durchsetzen, aber nachdem ich den 5. Dezernenten hatte, da ging es einfach nicht mehr. Ich war 59 und sagte, okay ich gehe, und ich will eine entsprechende Abfindung, denn ich war ja unkündbar. Dann habe ich mir gewünscht, dass das Universum mir einen Platz geben möge, wo es noch Sinnvolles zu tun gibt.

Klimaroute: Wie kam es denn zu diesem einschneidenden Schritt?

06d_WilmaMohr3

Dr. Mohr: Wie es dazu kam?

Mein Mann hatte mir eine Anzeige auf den Tisch gelegt: „Zukunft gestalten in Nepal“. Es war Verwaltungserfahrung sowie Sicherheit im Umgang mit der Gleichberechtigung der Geschlechter (Gender) und interkulturelle Kompetenz gefragt. Ich hielt meine eigene Erfahrung vorher für so spezifisch, dass ich dachte, dass man mich im Ausland  nicht brauchen kann, aber es wurde genau das verlangt. Das hat mich gereizt, und so kam ich hierher.

Klimaroute: Welches Programm steckt hinter Ihrer Stelle?

Dr. Mohr: Es gibt ein Konzept der GTZ für Nepal, die Regional Learning Center, das an der Dezentralisierung von Politik anknüpft, Stärkung der kommunalen Ebene. So ist das RLC – es gibt fünf davon in Nepal und zwei weitere sind im Aufbau - eine Plattform mit den Stadtverwaltungen vor Ort. Sie haben hier noch keine Kommunalwahlen gehabt, aber im Land herrscht seit 2007 Demokratie. Es geht jetzt darum, hier eine funktionsfähige Verwaltung zu etablieren, bzw. bestehende Strukturen bürgerfreundlicher und effizienter zu gestalten. Zu meinem Regional Learning Center gehören 10 Stadtverwaltungen im Umkreis von 200 km. Diese sollen ihre Erfahrungen systematisch austauschen, voneinander lernen und damit den Service für die Bürger verbessern.

Klimaroute: Der Himalaya wird in der Diskussion um Klimawandel von allen Seiten für dieses oder jenes Argument bemüht. Hat das Thema hier auf dem Dach der Welt überhaupt eine öffentliche Relevanz?

Dr. Mohr: Oh ja, sehr sogar. Die Presse ist voll davon. Hier in diesen Höhen gehen die Veränderungen schneller voran als anderen Ortes. Was im Alltag wahrnehmbar ist, so erzählen es die Leute hier, ist die Verschiebung des Monsunregens – Er kam in diesem Jahr 4-5 Wochen später als bislang.

Klimaroute: Hat dies auch Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung?

Dr. Mohr: Ja, bei dieser Verschiebung ist die Reisernte gefährdet. Das passiert zusehends. Das bedroht die fast vollständig auf Reis aufbauende Grundversorgung. Der Monsun kommt später ist aber dafür länger. In einem Gespräch mit einem 24jährigen Freund erfuhr ich, dass er und seine Freunde als Kinder beim Tihar-Fest, dem Lichterfest, als sie zum Singen von Haus zu Haus gingen, um diese Zeit immer dicke Jacken anhatten. Jetzt kann man mit T-Shirt gehen.  

Klimaroute: Welche Sorgen haben die Menschen?

Dr. Mohr: Wenn der Himalaya stärker abschmilzt, dann füllen sich die Seen in 4 000-5 000 Meter Höhe. Die Leute hier haben Angst, dass die Permafrost-Barrieren schmelzen, diese Seen brechen und die Ortschaften ganzer Täler unter sich begraben.

06d_WilmaMohr4


Ich kann jedoch schlecht beurteilen, wie stark das Bewusstsein für Klimawandel und eine Verhaltensänderung im Allgemeinen ist, aber es ist in den Medien. Ich kann jedoch nicht sagen, wie die nepalesische Jugend insgesamt zu diesem komplexen Thema steht.  Hier in Hetauda gibt es eine Umweltgruppe junger Leute, die sich dafür einsetzen, Bäume zu pflanzen.

Ein wichtiger Punkt für die Bevölkerung ist die völlige Übernutzug des Grundwassers. Die Kathmandu Post empfiehlt mittlerweile, Regenwasser zu sammeln statt Grundwasser zu entnehmen. Die historischen Quellen sind zu 50 % versiegt, der Grundwasserspiegel sinkt dramatisch.

Klimaroute: Im Hinduismus spielt Wasser für die religiösen Riten eine zentrale Rolle, die Menschen scheinen jedoch mit Wasser fast noch rücksichtloser umzugehen als dies in Europa der Fall ist.

Dr. Mohr. Das wundert mich auch, wieso in Gegenden, die ein enges Verhältnis zu Wasser haben, selbst an den höchsten Hinduheiligtümern der Fluss ohne Ende zugemüllt wird. Ich verstehe nicht, wieso sie den heiligen Fluss nicht schützen.

Woran es noch ziemlich mangelt und künftig noch stärker passieren muss, ist die Einbeziehung der Civil Society in all die Umweltschutzfragen. Die Leute beschweren sich über den Schmutz in der Öffentlichkeit  bei der Stadtverwaltung, schmeißen aber zugleich einfach alles auf die Straße und missachten die schöne Natur. Ich denke, besonders in Bezug auf den Gewässerschutz sollten sie bei der Abfallentsorgung beginnen. 80 % des Müllaufkommens besteht aus Biomüll, da die Menschen 2 mal am Tag Kochen. Sie lassen jedoch wo sie gehen und stehen Müll liegen und verbrennen Plastik ohne Ende. Es gibt allerdings in einigen Städten Kompostier-Projekte, aber das ist wohl noch nicht verbreitet.

Klimaroute: Wie könnte man vorgehen, um ein stärkeres Umweltbewusstsein zu schaffen?

Dr. Mohr: Ich sagte zu den Leuten, tut euch mal mit den Priestern zusammen, denn die haben eine ziemliche Macht. Von da aus könnte man Umweltschutz und Glauben verbinden. Aber das steht erst am Anfang. Die Reduzierung der Armutsrate ist zunächst eines der Hauptthemen. Da geht es z.B. ganz grundlegend um Kartierung, darum festzustellen, wer wirklich arm ist. Das läuft unterdessen gut, wo es durchgeführt wird. Was mich zuversichtlich stimmt, sind Aktivitäten wie der Global Day of Action am 4.12.2010. Da zeigt sich, dass auch hier eine Umweltbewegung entsteht. Dieses bürgerliche Engagement kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

06d_WilmaMohr1

Dr. Mohr: Im täglichen Leben spielt die Spiritualität eine sehr große Rolle. Es eine beherrschende Praxis, nicht zu vergleichen mit Deutschland. Die meisten Hindus machen jeden Morgen zuhause eine kleine Puja, an jeder Straßenecke gibt es einen Tempel. Auch habe ich an einer Stadteilversammlung teilgenommen, auf der gefragt wurde: „Was braucht ihr hier im Viertel am dringendsten? Da sagten sie: „Einen neuen Tempel“, obwohl ganz andere lebenswichtige Fragen wie die Qualität des Wassers ebenfalls auf der Tagesordnung standen.

06d_WilmaMohr_Global_5

Tempel im Stadtraum

06d_WilmaMohr_Global_6

Aktivitäten vor Ort

06d_WilmaMohr_Global_7

Global Day of Action, 4.12.2010

06d_WilmaMohr_Plakat

 

nach oben

 

Interview mit Hartmut Blaum, Stadtarchivar in Kelsterbach

Hartmut Blaum

 

 

Klimaroute.de sprach mit Hartmut Blaum, Stadtarchivar in Kelsterbach und begeisterter Fliegenfischer beim SAC Taunusfischer – über die Verschmutzung des Mains, die Dummheit der Fische, über funktionslose Fischtreppen sowie die Auswirkung des Klimawandels auf die Flussfauna.

Klimaroute: Herr Blaum. Sie überblicken langfristige Entwicklungen am Fluss aus verschiedenen Perspektiven. Wie verändert sich das Verhältnis der Menschen zum Main?

Blaum: Früher, bis in die 30er Jahre, hat man mit dem Fluss gelebt. Dann in den 50ern hörte das schlagartig auf, und so ging das bis in die 90er. Niemand interessierte sich wirklich für den Main. Jetzt, ganz langsam, kommt es wieder. Was in den letzten Jahren passiert, Gastronomie am Wasser, Strandbars und ähnliches, sogar in großen Städten am Fluss, finde ich sehr gut. Einfach am Main sitzen und genießen. In der heutigen Generation, die nicht vom Wirtschaftswunder, sondern von der Suche nach mehr Lebensqualität geprägt sind, ist der Fluss viel mehr im Bewusstsein.

Klimaroute: Warum hatten die Leute früher kein Verhältnis zum Fluss?

Der Main wurde ausschließlich als Wirtschaftsfaktor betrachtet. Ab Höchst war der Main durch die IG-Farben-Werke extrem verschmutzt. Die Kinder sollten dort nicht baden gehen, haben es aber natürlich doch getan. Dann konnte man ab dem Hals einen Rand sehen. Der kam vom Farbabtrag aus den Werken. Der Main ab Höchst war eine ziemliche Pampe, fast klinisch tot. Ich bin in Frankfurt aufgewachsen. Als ich mit dem Fahrrad zum Fußball gefahren bin in den 60er Jahren, kam ich am Schlachthof hinter der Gerbermühle vorbei. Dort herrschte immer dieser penetrante Abwassergestank, und viele tote Fische schwammen am Uferrand. Dieser Eindruck hat mich sehr geprägt. Oder hier in Kelsterbach: Die Glanzstoffwerke in Kelsterbach benutzten Schwefelwasserstoffe. Man kam mit der Bahn an und es hat nach faulen Eiern gestunken. Man wusste: “Jetzt bin ich in Kelsterbach“. So kann man leicht erklären, warum die Menschen dem Fluss den Rücken gekehrt hatten. Das hat sich vor allem in den letzten 30 Jahren durch striktere Umweltgesetzgebung und die Klärwerke massiv verbessert.

Klimaroute: Welche Veränderungen für die Fische würde es mit sich bringen, wenn wir von 2-3 Grad höheren Durchschnittstemperaturen durch den Klimawandel ausgehen?

Blaum: Für den Fischbestand bedeutet das weniger Sauerstoffsättigung im Wasser. Man bekommt auch andere Leitfische in den Gewässern. Leitfischregionen sind unter anderem die Forellenregion und die Äschenregion, sie sind kiesig-sandig. Die Flussregion am Untermain nennt man Brachsenregion, nach dem Leitfisch Brachse oder Bräsen benannt. Eine zu geringe Sauerstoffsättigung im Fluss lässt einige Fischarten nicht überleben. Das war so in den zurückliegenden Jahrzehnten. Ingesamt hat das also unabsehbare Folgen.

Klimaroute: Wieso haben Fische so wenig Lobby?

Blaum: Fische werden nicht wirklich von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Höchstens bei der Nordsee auf dem Teller. Fische sind nicht süß, also keine Kuscheltiere, sie können nicht miauen oder bellen. Es gibt Probleme mit der Wahrnehmung der Menschen. Wenn einen Katze verendet, interessiert es mehr Leute, als wenn Meere leer gefischt werden; das ist ein Wahrnehmungsproblem.

Klimaroute: Man sagt, Fische seien gelinde gesagt ziemlich blöd. Woher kommt dieser Eindruck. Können Sie dies bestätigen?

Blaum: Wanderfische sind tatsächlich „doof“. Sie schwimmen von Natur aus die stärkste Strömung an. Die Strömung signalisiert: „Hier geht es weiter“. Die stärkste Strömung am Wehr aber ist meist unüberwindbar. Wenn es also ein Fischtreppchen gibt, das keinen Wasserdruck hat, der signalisiern soll: hier geht’s weiter, werden sie den Weg auch nicht finden. Fischtreppen, die heute existieren, sind nutzlos. Da würde kein Fisch hoch schwimmen können. Wanderfische (z.B. Salmoniden, Lachsartige) müssen die Fischtreppe als Wanderstrecke erkennen. Die Fischtreppen aus den 60er und 70er Jahren wurden aus „Nettigkeit“ gebaut und sind praktisch nutzlos.

Hartmut Blaum


Klimaroute: Gibt es hier am Main denn Fischtreppen, die funktionieren?

Blaum: In Hessen meines Wissens nicht. Am Fluss Sinn gibt es einige gescheite. Bei Altengronau. Die sind alle neu gemacht. In Thüringen an der Werra bei Themar gibt es ganz viele, die wurden alle neu errichtet nach den entsprechenden wissenschaftlichen und biologischen Standards. Aale, auch sie sind Wanderfische, auch sie haben Probleme. Die werden von den Turbinen der Wasserkraftwerke regelrecht geschreddert, dann gibt es „Aal Kleingehacktes, da muss man nur noch die Pfanne drunter halten“. Das ist schon ein echtes Problem. Und auch der Aal hat wegen starker Überfischung ein Fortpflanzungsproblem, genau wie der Atlantische Lachs.

Klimaroute: Was sind große Themen, die wir verbessern könnten?

Blaum: Sinnvolle Fischtreppen und Umgehungsgerinne, nach neuen biologischen Standards, die für Wanderfische (Lachse und Meerforellen) nutzbar sind.

Klimaroute: Was können Sie zum so genannten „Lachsprojekt“ sagen?

Blaum: Im Schwarzbach, er kommt aus dem Taunus und fließt gegenüber von Kelsterbach in den Main, wurden jetzt zum zweiten Mal Lachse ausgesetzt. Einmal 16 000 und einmal 10 000. Es gibt noch 4 bis 5 Querverbauungen bis zum Main, die sollen jedoch abgebaut werden oder durch sinnvollen Treppen ersetzt werden. Wenn man Wanderfische aussetzt, braucht man auch vernünftige Treppen. Die Lachse werden gezüchtet, kommen dann aus Schweden oder dem Nordatlantik. Man hofft darauf, diese Fische hier wieder heimisch zu machen. Das Regierungspräsidium Darmstadt kümmert sich um dieses Projekt. In Nebenflüssen des Mains sollen Lachse wieder heimisch gemacht werden. Als Angler muss ich aber auch noch was zum Kormoran sagen: Die Leute vom BUND (Bund Umwelt und Naturschutz) haben den Kormoran zum Vogel des Jahres 2010  erklärt. Das ist ein Affront und eine bodenlose Dummheit. Die Fischer haben daraufhin die Äsche zum Fisch des Jahres 2011 gemacht. Der Kormoran ist kein einheimischer Vogel. Ahnungslose Leute sagen, wir müssen den armen Kormoran schützen, aber dass der ganze Fischbestände zerstört, das bedenkt niemand. Alle Bemühungen, Lachse anzusiedeln, drohen zu scheitern. Ein Kormoran frisst pro Tag 500 bis 700 Gramm Fisch. Der Schnabel vom Kormoran lässt nichts leben, der ist sehr scharf und der Vogel kann viele Meter tief tauchen. Ein ständiger Konflikt zwischen uns Anglern und dem BUND ist das. Die Fischereiverbände fordern ein sinnvolles Kormoran-Management, wie es in anderen europäischen Ländern ebenfalls angestoßen wird. Was soll der hilflose Versuch der Wiederansieldung der äußerst sensiblen Äsche, eines Leitfisches, wenn der Kormoran sich ungehindert ausbreiten darf? Das konterkariert alle Bemühungen. Schauen sie einmal nach Thüringen, Bayern oder auch nach der Sinn im Spessart: Der Kormoran ist schlimmer als der schwarze Tod. Doch noch schlimmer sind unwissende sogenannte Tierschützer. Die Angler haben schon für Gewässerschutz sehr viel getan – natürlich auch aus Eigennutz – als die heutigen selbsternannten Protagonisten des Naturschutzes noch nicht geboren waren. Ein Dialog aller Beteiligen – ohne Scheuklappen aus Federn und Schuppen, ist dringend nötig. Angler lieben ihre Gewässer, und beispielsweise auch den einheimischen Eisvogel. Er prangt auf manchem Angler-Vereinswappen.

Klimaroute: Gibt es hier in der Nähe auch Fließgewässer mit der Wasserqualität 1?

Blaum: Nein. In Hessen gibt es das bis auf wenige Bachkilometer in Nordhessen eigentlich nicht. Ein Teil der oberen Eder hat die 1. Der eben erwähnte Schwarzbach hat eine Wasserqualität von 2. Nur Gebirgsflüsse wie die Obere Isar haben die Güteklasse 1. Wir müssen aber unterscheiden zwischen der Güte des Wassers und dem Verbauungsgrad. Die Wasserqualität hier ist gut, aber die meisten Flüsse sind komplett verbaut. Aber daran wird gearbeitet, zum Beispiel an der Nidda. Früher wurde alles in einen Kanal gelegt. In Betonrinnen. Aus Gründen des Hochwasserschutzes. In so einer Rinne kann jedoch kein Leben entstehen. In sauberen Gewässern wird versucht, Brütlinge auszusetzen.

Klimaroute: Sie haben selbst seit Ihrer Kindheit starke Veränderungen am Main festgestellt. Wie wirkt sich das heute auf Flora und Fauna aus?

Blaum: Biologische Gewässerkarten waren in 70er und 80er Jahren ab Hanau und Aschaffenburg rot, das heißt die Gewässer waren Güteklasse drei oder vier. Im Klartext: 4 ist biologisch tot. Heute ist alles im grünen Bereich, also ne runde 2. Da hat sich ganz viel getan. Bis zu 40 Fischarten sind wieder im Main und im Rhein.

Menschen wollen Flüsse wieder in ihr Leben einbeziehen. Früher wurde alles verkehrsgerecht gemacht, Städte und Flüsse. Man schafft sich selbst Probleme, weil man alles „europäisch“ macht. Man hat im Main plötzlich Fische aus dem Schwarzen Meer. Die haben hier keine natürlichen Feinde und fressen hier alles leer. Auch der Wels und der Rapfen, ein Raubfisch, sind ein riesiges Problem.

Klimaroute: Wie würden Sie sich eine Vermittlung des komplexen Themas vorstellen?

Blaum: Ein Fischlehrpfad wäre mein Wunsch. Fische, Lebensgemeinschaften und Flüsse sozusagen von unten zeigen oder verständliche Hinweise, die auf die Verunreinigung eingehen. Vielleicht kann die Klimaroute auch da einen Beitrag leisten, denn man versteht das System der Flüsse von außen nicht. Man kann nicht ins Wasser hinein gucken. Systeme verändern sich, aber es wird von außen nicht sichtbar. Das ist ein großes Problem, die Veränderung wird von den Menschen nicht wahrgenommen. Zum Beispiel benutzen Gärtner den Bach noch zur Müllentsorgung. Ein wirkliches Bewusstsein hat sich noch nicht überall durchgesetzt. Seen, Flüsse und die Veränderung deren biologischer Systeme werden nur langsam und träge wahrgenommen.

nach oben

 

Interview mit John Thackara, Autor zum Thema nachhaltigen Designs

06g_JohnThackara

John Thackara ist einer der bedeutendesten Autoren und Denker nachhaltigen Designs.

Klimaroute: Herr Thackara, Sie haben mit Ihrem 2005 erschienenen Buch „In the bubble – designing in a complex world“ ein Manifest nachhaltigen Designs verfasst. Wie sehen Sie die Entwicklung aus der Sicht des Jahres 2011?

Thackara: Ich habe mein Buch in die Kapitel Leichtigkeit, Geschwindigkeit, Mobilität, Lokalität, Situation, Zusammenleben, Lernen, Lesefähigkeit, Klugheit und Fließen eingeteilt. Manche dieser Begriffe sind mittlerweile in die Arbeit von Designern eingeflossen, vor allem das Thema Leichtigkeit, also Vermeiden von Dingen, oder zumindest Ressourceneffizienz.

Klimaroute: Sie sind weltweit unterwegs. Wie sehen Sie die Gesamthaltung von Produktgestaltern?

Thackara: Da fehlt es noch an Allem. Aber grundlegend ist dies ein gesellschaftliches Thema, konkreter – ein umfassendes Industrieproblem. Nachhaltig denkende Designer sind oft das fünfte Rad am Wagen. Solange keine strikten Rahmenbedingungen von der Politik vorgegeben werden, wird die Industrie ihre zynische Haltung bewahren – kurzfristiger Profit vor Nachhaltigkeit. Das ökonomische Gewicht Chinas hat sich in den letzten 5 Jahren deutlich erhöht, und damit hat sich die Blockadehaltung in Umweltfragen zementiert. Ein perfekter Partner der USA. Das hat insbesondere Cancún gezeigt.

Klimaroute: Wie beurteilen Sie die politische Gesamtwetterlage?

Thackara: Kopenhagen ist gescheitert, Cancún ist gescheitert. Ich mache mir keine großen Hoffnungen auf politische Maßgaben im großen Maßstab. Die wirkliche Bewegung findet im Kleinen statt. Das ist wie bei jeder großen Transformation. Die politischen Apparate und überreifen Industrien, die ihr Geld mit Abschreiben verdienen, blockieren. Einzelne kleine Akteure ziehen den Karren. Ob wir ihn aus dem Dreck kriegen, im Wettrennen mit dem Klimawandel, ist völlig offen. Ich habe mit den Konferenzen "Doors of Perception" in Eindhoven, Bangalore und Delhi versucht, Leute zusammenzubringen. Das ist in vielfacher Hinsicht gelungen, wie auch dieses Interview zeigt, Sie waren ja auch 2007 in Delhi dabei.

Das Interview führte Georg-Christof Bertsch

nach oben